Wenn Alter den Unterschied macht – Hervorbringung von 'Alter' und altersbezogener politischer Subjektivität bei jungen Geflüchteten in jugendamtlichen und rechtsmedizinischen Praktiken

Sabine Netz
Sabine Netz
Image Credit: © David Corry https://www.flickr.com/photos/dcorry/

In den letzten Jahren spielen Körper, (Rechts-)Medizin und Technologien in Entscheidungen zum Status von Flüchtlingen eine immer größere Rolle. Es gibt zudem immer feingliedrigere Kategorisierungen, in die Geflüchtete eingeordnet werden. Dieses Projekt untersucht ethnographisch, wie Körper, Technologien der Visualisierung, Statistiken, medizinische Objektivität einerseits und Fragebögen, Interviewtechniken und somit erzeugte Narrative von Geflüchteten andererseits in jugendamtlichen und rechtsmedizinischen Altersfestsetzungspraktiken in Deutschland relevant gemacht werden und wie darin Evidenz hergestellt wird. In Jugendämtern werden Interviews geführt und äußerliche Körpermerkmale begutachtet. In rechtsmedizinischen Instituten werden neben körperlichen Untersuchungen unter anderem Röntgenaufnahmen von Händen, Schlüsselbeinen und Zähnen gemacht, um das Alter der jungen Flüchtlinge zu schätzen. Ziel der verschiedenen Praktiken zur Altersfestsetzung ist es, zwischen erwachsenen und minderjährigen Flüchtlingen zu unterscheiden, wobei jede dieser Kategorien unterschiedliche politische und soziale Rechte, Privilegien, Möglichkeiten und Einschränkungen nach sich zieht. Dieses Forschungsprojekt widmet sich aus zwei Perspektiven der praxeologischen Untersuchung dieser Unterscheidungs- und Entscheidungsverfahren. Zunächst wird in einem ersten Schritt den verschiedenen Praktiken nachgegangen und untersucht, auf welch unterschiedlichen Arten und Weisen die Differenzkategorie ‚Alter‘ hervorgebracht wird. Was genau ist in diesen Praktiken „Kindsein“ / „Jugendlichsein“ oder „Erwachsensein“? In einem zweiten Schritt geht es um die Wirkmächtigkeit dieser Kategorien. Es soll genauer herausgearbeitet werden, wie diese mit körperlichen Merkmalen gestützten Altersfestsetzungen mit bestimmten Formen von politischer Subjektivität einhergehen. Welche Rechte, Ansprüche und Verpflichtungen, Möglichkeiten und Einschränkungen haben junge Geflüchtete, denen ein bestimmtes Alter zugewiesen wird? Welche Auswirkungen hat es, minderjährig zu sein, konkreter: 16 oder 17 zu sein? Was passiert bei Volljährigkeit? Wie wirkt sich die Altersfestsetzung konkret auf die Lebenswirklichkeit junger Geflüchteter aus? Theoretisch und methodologisch orientiert sich dieses Forschungsprojekt an Wissenschafts- und Technikstudien (Science and Technology Studies, STS), Praxistheorie, Politikanthropologie, Anthropologie der Migration/Flucht, Studien zum Grenzregime und der Anthropologie und Soziologie der Kindheit. Betreuung: Prof. Katharina Schramm