Sicherheiten, Wahrnehmungen, Lagebilder, Bedingungen und Erwartungen - Ein Monitoring zum Thema Sicherheit in Deutschland (BaSiD)

Teilprojekt: Risikoattribuierung im Raum bei Katastrophen und technischen Großunglücken (RisikoRaum)

Institution:

Katastrophenforschungsstelle (KFS)

Leitung:

Mitarbeiter/innen:

Förderung:

BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung)

Förderkennzeichen: 13N11150

Kooperationspartner:

Bundeskriminalamt

Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht

Freie Universität Berlin - Katastrophenfoschungsstelle

Heinrich Heine Universität Düsseldorf - Kommunikations- und Medienwissenschaft

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg - Institut für Soziologie

Eberhard Karls Universität Tübingen - Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften

Projektlaufzeit:

01.06.2010 — 31.08.2013

Das durch die Katastrophenforschungsstelle bearbeitete Teilprojekt „Risikoattribuierung im Raum bei Katastrophen und technischen Großunglücken (RisikoRaum) „wird im Rahmen des Verbundprojektes „Sicherheiten, Wahrnehmungen, Lagebilder, Bedingungen und Erwartungen - Ein Monitoring zum Thema Sicherheit in Deutschland (BaSiD)“, das vom BMBF innerhalb der Ausschreibungslinie „Gesellschaftliche Dimensionen der Sicherheitsforschung“ (FKZ 13N11150) gefördert wird, durchgeführt. Das Konsortium von BaSiD besteht aus dem Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht – Abteilung Kriminologie (Verbundkoordinator), dem Bundeskriminalamt (BKA), Kriminalistisch-Kriminologische Forschung und Beratung (KKFB), dem Institut für Soziologie (IfS) der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), dem Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Eberhard Karls Universität Tübingen, der Kommunikations- und Medienwissenschaft I (KMW) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie der Katastrophenforschungsstelle (KFS) der Freien Universität Berlin. Ziel des Gesamtprojektes BaSiD ist es, Sicherheit als vielschichtiges und multidimensionales Problem zu untersuchen.

Das Forschungsprojekt bezweckt die Erstellung eines Barometers zu objektivierten und subjektiven Sicherheiten in einem interdisziplinären Verbund. Das Sicherheitsbarometer fokussiert sich auf Wahrnehmungen, Erwartungen und Gefühle zu Sicherheit in den Phänomenbereichen Kriminalität, Terrorismus, Naturkatastrophen und technische Großunglücke. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wahrnehmung von Sicherheit in die soziale Sicherheit eingebettet ist. Hieraus ergibt sich eine theoretische und empirische Abhängigkeit von einem allgemeinen Sicherheitskonzept sowie von dem Vertrauen in die eigene und gesellschaftliche Fähigkeit zur Bewältigung von Risiken. Die exemplarische Studie basiert auf der Kombination von grundlegender Datenerhebung, Methodenentwicklung und anwendungsorientierter Auswertung in einem gesellschaftswissenschaftlichen Verbund. Design, Methodik und Resultate dieser Studie dienen als Grundlage und Orientierungsmaßstab für die Durchführung von Folgestudien. Hieraus erschließt sich das wissenschaftliche Potenzial der Studie, eine Theorie der (Un-)Sicherheit zu entwickeln. Langfristig ermöglicht das neue Forschungsdesign mit den erprobten innovativen Forschungsmethoden die Erhebung von Entwicklungsverläufen (z.B. durch Follow-up-Studien).Das Gesamtprojekt ist modular aufgebaut, die KFS bearbeitet die Module 2 und 5.

 Quelle: Daniel F. Lorenz

Modul 2 - Untersuchung der Beschaffenheit von Sicherheitslagen

Im Modul 2 wird die Beschaffenheit von Sicherheitslagen vom Bundeskriminalamt und der Katastrophenforschungsstelle Berlin untersucht. Im Rahmen von BaSiD liegt ein Schwerpunkt der KFS darin, eine Datenbasis zur objektivierten Sicherheit gegenüber Naturkatastrophen und technischen Großunglücken zu erstellen. Dadurch soll ermöglicht werden, das subjektive Sicherheitsempfindungen der Bürger der objektivierten Sicherheitslage gegenüberzustellen.
In diesem Zusammenhang wird eine Analyse bestehender Systeme zur Erfassung von Schäden durch Naturkatastrophen und technischen Großunglücken durchgeführt. Es zeigt sich deutlich, dass es bisher nur wenige Schadenserfassungssysteme gibt, die zudem keine einheitliche, vergleichbare Datenbasis schaffen. Die Systeme fokussieren zum Teil sehr unterschiedlich und selektiv Ereignistypen (z.B. allein Hochwasser), sind dabei häufig unvollständig und liefern keine ausreichenden Informationen über Schäden und soziale Auswirkungen. Einzig die Angabe von physikalischen Messwerten (wie z.B. Wassertiefenklassen), auf welche die Systeme häufig reduziert sind, liefert noch keine Aussage über die Gefährdung und Schädigung der Bevölkerung und ist somit nicht ausreichend für die Erstellung einer objektivierten Datenbasis. Problematisch ist außerdem, dass die Systeme keine einheitlichen Definitionen von Katastrophe zugrundelegen, die darüber hinaus auch häufig unvereinbar mit den Legaldefinitionen in den Katastrophenschutzgesetzen der Länder sind. Es herrscht keine Einigkeit darüber, ab wann ein Ereignis als Katastrophe bewertet und registriert wird. Zudem werden in den bestehenden Systemen nur „Momentaufnahmen“ dargestellt. Die weitreichenden und verästelten Auswirkungen, die Schadensereignisse häufig nach sich ziehen, aber vor allem auch deren Genese und soziale Ätiologie bleiben gänzlich unberücksichtigt.
Deshalb wird von der KFS ein Index zur Messung von Vulnerabilität der Bevölkerung gegenüber den genannten Schadensereignissen entwickelt. Erst dieser ermöglicht es, unterschiedliche Ereignisse, wie sie in den Schadenssystemen erfasst werden, einzuordnen, zu bewerten und in Relation zu setzen. Der Index wird georeferenziert exemplarisch auf die Stadtteile in Hamburg und Kiel angewandt und ermöglicht so auch die kartografische Darstellung der Betroffenheit im Falle einer möglichen Katastrophe.

Modul 5 - Untersuchung von Gefährlichkeitsattribuierungen

Im Modul 5 geht es um die Untersuchung von Gefährlichkeitsattribuierungen der Katastrophenforschungsstelle Berlin. Im wissenschaftlichen Risikodiskurs werden Risiken verstärkt als „soziale Konstruktion“ thematisiert, in die kulturelle, soziale als auch individuelle Differenzen der Wahrnehmung, Bewertung und Entscheidung eingehen, die „Risiko“ somit zu einem Momentum individuellen Handelns machen. Die Aspekte der sozialen Konstruktion von Risiko im Raum und der Abhängigkeit der spezifischen Risikoattribuierung vom Raum wurden bislang jedoch nicht erforscht. In dem qualitativ orientierten Modul werden im Sinne einer Untersuchung von Gefahrenattribuierung im Raum individuelle (Laien) und organisatorische (Experten) Wahrnehmungen, Konstruktionen und Verräumlichungsprozesse von Gefahr und Unsicherheit erfasst und analysiert.

Ausgangshypothese ist, dass Menschen ihre Umwelt kontinuierlich und multidimensional bewerten und damit Raum, einschließlich darin verorteter Gefahren, aber auch Sicherheit erst hervorbringen. Raum konstituiert sich erst durch Bedeutungszuschreibungen und dabei vor allem auch in Bezug auf „unscharfe“ Dimensionen wie „Sicherheit“ und „Gefährlichkeit“, die einerseits von Wissen, kulturellen Normen und Vorurteilen abhängen, aber auch von einem Geflecht aus Intuition, Beobachtung, Annahme, und einschlägigen Kommunikationen. Wie sich daraus eine zuordnende Bewertung formt und was diese für eine resultierende mentale Verräumlichung bedeutet, soll untersucht werden. Darüber hinaus soll ebenfalls eruiert werden, inwieweit der konstituierte und bewertete Raum wiederum auf das räumliche Handeln wie auch Empfinden der Menschen zurückwirkt. In dieser Untersuchung zur Wahrnehmung von Unsicherheit und Gefahr soll daher ermittelt werden, an welchen Raumartefakten subjektive Empfindungen und Gefühle festgemacht werden, die für das Individuum raumstrukturierend sind und welche Formen des Raumerlebens damit einhergehen.

Den Kern der Untersuchung bilden Begehungen sorgfältig ausgewählter Stadtteile in Hamburg und Kiel, die sich an den Methoden der partizipativen Photographie und „Go-alongs“ als qualitativer Interviewtechnik orientieren. Diese Begehungen werden mit Laien und Experten der institutionalisierten Gefahrenabwehr unter Zuhilfenahme georeferenzierer Fotokameras durchgeführt und dienen der in situ Beobachtung der Raumaneignung und –wahrnehmung.

 Quelle: Daniel F. Lorenz

Anschließende individuelle Befragungen sowie in Workshops unter Einbeziehung eines GIS durchgeführte partizipative Mappings ermöglichen eine weitere Ergänzung und Kontextualisierung der Daten. Eine abschließende kulturelle Konsensanalyse dient dem konkreten Vergleich von Experten- und Laienwissen und der Feststellung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Vorstellungen, Normen und Wahrnehmungen bezüglich der räumlichen Verortung von Sicherheit und Gefahr.

Das Teilprojekt stellt damit einen innovativen und experimentellen Beitrag zu einem komplexen Verständnis von Sicherheit auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen dar, untersucht professionelle und organisationale Konstruktionen und Wahrnehmungen als bisher vernachlässigten Teil einer umfassenden Sicherheitskultur und ergänzt die anderen Teilprojekte durch seine kleinräumige und verdichtete Beschreibung subjektiver (Un-)Sicherheiten.

Weiterführende Informationen unter:

basid.mpicc.de