Arbeitspaket 2

Alpine Naturgefahren im Klimawandel: Philosophische Perspektiven

Arbeitspaket 2: Von der Theodizee über die Technodizee zur Anthropodizee. Moralphilosophie und der Wandel der Deutungen von Natur im Zeichen des Klimawandels im Zeitraum von der Aufklärung im 18. Jahrhundert bis ins heutige 21. Jahrhundert im Alpenraum

 

 

Bearbeiter: Dr. Josef Bordat

Projektleitung: Prof. Dr. Urte Undine Frömming

 

Vorhabenbeschreibung

Das im BMBF–Verbundprojekt: „Alpine Naturgefahren im Klimawandel – Deutungsmuster und Handlungspraktiken vom 18. bis zum 21. Jahrhundert" verankerte Vorhaben des Instituts für Ethnologie der Freien Universität Berlin untersucht in der Schweiz, Bayern und Österreich in vergleichender Perspektive Kulturtechniken zum Schutz vor und im Umgang mit klimabedingten Naturgefahren die zu einer Vermeidung von Vulnerabilität sowie zu einem nachhaltigen Umgang mit gefährdeten und gefährlichen Natur- und Kulturräumen führen.

 

©Sabine Mönnig

 

Das philosophische Teilprojekt verfolgt dabei zwei Ziele:

  • Aufstellung und Begründung einer Heuristik für die Untersuchung vor dem Hintergrund des historischen Deutungsmusterwandels (1)
  • Entwicklung einer Klimaethik, die eingedenk der ethnologisch eruierten kulturellen Rahmenbedingungen und der religiös-moralischen Prädispositionen im Alpenraum die notwendigen Handlungspraktiken argumentativ vorbereiten und normativ stützen kann (2)

 

(1) Die christliche „Sündenökonomie“, die Naturkatastrophen als Strafe für sündhaftes menschliches Verhalten interpretierte, wurde langfristig vom naturwissenschaftlich-technologischen Paradigma zwar nicht gänzlich verdrängt, jedoch als hegemoniale Deutung abgelöst. Zentral für diesen Deutungswandel ist die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert.

 

©Sabine Mönnig

 

Dazu werden historische und systematische Klärungen hinsichtlich einer Transformation des Rechtfertigungsdrucks angesichts von Umweltkrisen und Naturkatastrophen vorgenommen. Geprüft wird, inwiefern von einem sich wandelnden vorherrschenden Deutungsmuster von der Theodizee-Frage zur „Technodizee“ (Glaube an die Heils- und Erlösungswirkung technischer Naturbeherrschung) und zur „Anthropodizee-Frage“ (Verantwortlichkeit des Menschen für die Natur) ausgegangen werden kann und unter welchen (wissens-)kulturellen und religiösen Rahmenbedingungen es zu Phasenverschiebungen und Überlagerungen kommt.

Mit Hilfe einer feineren Typisierung der drei Deutungsmuster soll nicht nur deren historischer Wandel untersucht und dargestellt, sondern auch Einflüsse auf die Handlungspraktiken im Alpenraum heute aufgewiesen werden.

(2) Die Diskussion um die sich auflösende oder sich verschiebende Trennlinie zwischen Natur und Gesellschaft wirft zahlreiche philosophisch relevante Fragen auf. Hat die Natur einen rein instrumentellen Gebrauchswert für den Menschen (radikaler Anthropozentrismus), einen darüber hinausweisenden Mehrwert in ästhetischer (Schönheit), eudämonistischer (Heimat) oder sinnstiftender Dimension (Heiligkeit) oder gar einen Eigenwert (Physiozentrismus)? Es gilt den Einfluss unterschiedlicher epistemologischer Zugänge zur Natur und anthropologisch-weltanschaulicher Annahmen offen zu legen. Analog zu den verschiedenen Menschenbildern und Naturdeutungen lassen sich erhebliche Differenzen dahingehend feststellen, warum Natur heute moraltheoretische Bedeutung hat, was zugleich den Grad der Relevanz von Natur für Ethik und Handlungstheorie determiniert.

 

©Sabine Mönnig
 

Anschließend an das Deutungsmuster „Anthropodizee“ soll eine Klimaethik auf Basis eines Verantwortungsbegriffs entwickelt werden, der mit den religiös-kulturellen Rahmenbedingungen des „Kulturraums Alpen“ kompatibel ist (christliche Schöpfungsverantwortung). Aus der moralischen Verantwortung erwächst ein normativer Druck, der die Gestaltung der rechtlichen Verantwortung ermöglicht und politische wie organisatorische Verantwortung als solche zu erkennen befähigt. Daher ist es wichtig, sich des Begriffs, der Begründung und der Funktionsweise der moralischen Verantwortung klar zu werden, bevor man das Inventar des Deutungsmusters „Anthropodizee“ in konkrete Handlungspraktiken der Politik, Verwaltung und Gesetzgebung einfließen lässt.

Projektübergeifende Kernfragen, die in Abstimmung mit den anderen Clustern bearbeitet werden

1. Wie veränderte und gestaltete sich das Verhältnis von Religion und Wissenschaft hinsichtlich der Deutung von Klimawandel und Naturgefahren am Beginn der modernen Wissensgesell­schaft im 18. Jahrhundert und in welcher Weise veränderten sich die Muster ihrer Deutung und Erklärung?

2. Wie wirken die wissenschaftlichen bzw. philosophischen Grundannahmen auf den modernen Umgang mit Natur im Allgemeinen sowie Klimaphänomenen und Naturgefahren im Besonderen?

3. Welche naturphilosophischen Positionen eignen sich, zu einem unter den Bedingungen des Klimawandels und alpiner Naturgefahren angemessenen Konzept von Verantwortung als Kernkonzept einer Klima-Ethik zu gelangen und welche philosophischen Überlegungen und Empfehlungen lassen sich daraus für die Gestaltung humaner Lebensbedingungen in Zeiten des Klimawandels ableiten?

 

Methodische Herangehensweise

Methodisch erfolgt die Bearbeitung im Rahmen hermeneutischer Literaturauswertung. In einer historischen und systematischen Argumentations- und Diskursanalyse werden die differierenden naturphilosophischen Positionen darstellen, diskutieren und bewerten. Ferner werden das Selbstverständnis von Ethik-Kommissionen und die Wahrnehmung veränderter Klimawandel-Moralität im Alltag der Menschen berücksichtigt, die sich aus der Feldforschung im Rahmen des ethnologischen Teilprojekts ergeben. [LINK zu Christian]

 

Kontakt: Dr. Josef Bordat

E-mail: josef_bordat@hotmail.com