Shark Islands and Impossibles. Aneignungen und Verbildlichungen des Meeres in der transnationalen Big Wave Surfer-Community

Cyrill Lachauer (PhD Project - Promotionsprojekt), Supervision/Betreuung: Prof. Dr. Undine Frömming

Geplante Laufzeit: März 2011- Februar 2014

 

Einführung

Mit unwiderstehlicher Gewalt wurde ich in die Tiefe gezogen, gleich darauf aber wieder nach oben geworfen. Obwohl ich ein guter Schwimmer war, hatte ich nicht die Kraft, mich der Wellen so weit zu erwehren, dass ich Atem holen konnte. Halb besinnungslos, dem Ersticken nahe, trieb ich, mehr tot als lebendig, wie ein Stück Holz auf dem Wasser (Daniel Defoe).

 

©Cyrill Lachauer

Seit jeher sind bestimmte Menschen auf der Suche nach Abenteuern. Und am Anfang eines jeden steht der Aufbruch ins Unbekannte, der Schritt, den eigenen, geschützten Raum zu verlassen und sich dem Neuen und Gefahrvollen auszusetzen. Die Protagonisten des Abenteuers sind die Helden, deren Reisen schon in den Mythen und Epen der Antike oder den oralen Traditionen außereuropäischer Kulturen beschrieben wurden. So unterschiedlich die Motivation des Helden auch sein mag, sich auf den Weg zu begeben, so ist doch allen Abenteurern gleich, dass sie den eigenen Tod zur faktischen Möglichkeit einer Unternehmung werden lassen, um sich des Lebens und somit des Selbst zu vergewissern.

 ©Cyrill Lachauer

In dem Promotionsvorhaben Shark Islands and Impossibles untersuche ich Aneignungen und Verbildlichungen des Meeres in der transnationalen Big Wave Surfer-Community, sowie die Sehnsucht als treibende Kraft des Abenteuers. Wie in meiner Magisterarbeit Verkörpertes Arbeitswissen in der Shaping Bay – Die Leiblichkeit handwerklicher Fertigkeiten gehe ich von den Surfern als transnationaler Community aus, die aber lokal stark unterschiedliche Ausprägungen erfahren kann.

Big Wave Surfen unterscheidet sich in seiner Ernsthaftigkeit und Brutalität auf Grund der Gewalt großer Wellen stark von dem kommerziell geprägten, alltäglichen Wellenreiten. Da ich noch ganz am Anfang meiner Promotion stehe, möchte ich im Folgenden lediglich vorstellen, was ich im letzten Jahr zunächst an Hand zweier Protagonisten – eines historischen und eines zeitgenössischen – für meine fotografische und filmische Arbeit entwickelt habe. Beide Protagonisten oder auch Informanten haben mich ein Stück weit mein Leben begleitet und geprägt. Robinson Crusoe war der Held des ersten Buches, das mir mein Vater vorlas und meine Liebe zum Meer weckte. Der Ozeanograph und Big Wave Surfer Tony Butt war der erste, der mich in große, weit auf dem offenen Meer brechende, Wellen zum Wellenreiten mitnahm. Zusammen mit Tony Butt verbrachte ich den Winter 2009/2010 in Asturien, Nordspanien. Mit beiden verbindet mich eine Sehnsucht, die mich seit meiner Kindheit umtreibt und zu deren Projektionsfläche das Meer geworden ist. Dieser kaum fassbaren Größe, die nur allzu schnell in funktionalistische oder psychologische Erklärungsmuster gedrängt wird, möchte ich nachspüren. Sie wird sich in den dichten fotografischen und filmischen Bildern von Shark Islands and Impossibles ebenso zeigen wie in den Erzählungen und Handlungen der beiden Protagonisten.

Mit dem rastlos suchenden Wissenschaftler, Denker und Wellenreiter Tony Butt begebe ich mich auf eine Expedition zu der nach der Romanfigur benannten Robinson Insel im pazifischen Ozean. Gemeinsam hoffen wir dort auf Grund der enorm exponierten Lage des Archipels tief im Pazifischen Ozean eine gewaltige, einsame und ungesurfte Winterwelle zu finden. Von dieser Expeditions- und Feldforschungssituation ausgehend, möchte ich im weiteren Verlauf meiner Arbeit Aneignungen und Verbildlichungen des Meeres in der transnationalen Big Wave Surfer-Community untersuchen. Da Big Wave Surfer den Winterwellen, ihrer Größe wegen, folgen müssen, werde ich im winterlichen Chile, Nordspanien und Irland forschen. Ich möchte meinen Blick auf eine überschaubare Gruppe, wie die der Big Wave Surfer, richten, um dann darüber hinausgehende Aussagen über das Meer als kultureller Raum treffen zu können.

©Cyrill Lachauer


Die Herangehensweise in drei Ebenen

Die erste Ebene meiner ethnographischen Arbeit bildet die konkrete Vorbereitung und spätere Realisation einer Forschungsreise und Surfexpedition auf die Robinson Insel im pazifischen Ozean zusammen mit Tony Butt. Die Vorbereitungsphase der Expedition und die Zeit des Aufbruchs findet in Nordspanien statt, wo Tony Butt seit über 20 Jahren lebt und Big Waves surft. Die Expedition beginnt dann in Valparaíso in Chile mit der weiten Überfahrt auf die Insel. Die erste Ebene eröffnet Einblicke in die europäische Big Wave Surftradition und –kultur und in eine vom Massentourismus unbeachtete Gegend und ihre Bewohner zwischen Baskenland und Galizien. Als teilnehmender Beobachter werde ich an den Tagesabläufen, Gewohnheiten und Ritualen der Big Wave Surfer Nordspaniens teil haben und untersuchen, wie sie sich das Meer aneignen und als Raum strukturieren, konstruieren und dekonstruieren.

Die zweite Ebene ist die Suche nach den Spuren Robinson Crusoes und des tatsächlichen Seefahrers Alexander Selkirk, der als Vorlage für die Romanfigur diente. Die Spurensuche geht über das Konkrete der ersten Ebene hinaus. Im Spannungsfeld aus poetischen und formal abstrakten Bildern gewinnt das Meer gegenüber den beiden Helden an Bedeutung und wird zum eigentlichen Hauptakteur. Die existenzielle Seite des Abenteuers trifft auf epische Bilder gewaltiger Wellen und rauer, tiefwinterlicher Meereslandschaften. So wird diese zweite Ebene in ihrer ganzen visuellen Kraft ein Spiegelbild des Mythos von ungebändigter Lebenslust, dem einsamen Kampf mit den Elementen und dem Rausch der Gefahr, dem Rausch, den Tod für einen Moment zu besiegen.

©Tony Butt

Die dritte Ebene bildet die philosophische Reflektion dieses Mythos. Dabei werden nicht die Big Wave Surfer und Abenteurer in ihrem Tun kritisiert, sondern die Implikationen, welche die Idee des Abenteurers an sich mit sich bringen. Diese Implikationen, wie Ewigkeit, Transzendenz oder Erhabenheit, die letztlich religiöse Wurzeln haben, werden durch meine filmische und fotografische Bildsprache visuell spürbar und geradezu provoziert. In poetisch-düsteren, malerisch dicht komponierten Bildern zeigt sich die winterliche Welt der spanischen Atlantikküste, des chilenischen Pazifiks und dieser für Menschen zunächst lebensfeindliche Welt in seiner wilden Schönheit. Und eben diese, teilweise tradierte, visuelle Beschreibung von wilder Schönheit zu hinterfragen, ist der Kern der dritten Ebene. Somit ist die dritte Ebene eine Diskussion zwischen der verwandten Bildsprache und den von ihr transportierten und provozierten Begriffen. Der sehnsuchtsvolle Blick der Abenteurer auf die Natur und die Ferne überzieht die gesehene Welt mit alt hergebrachten Begriffen wie der Schillerschen Erhabenheit, der romantischen Vorstellung von Ewigkeit und letztlich aus der Religion stammenden Transzendenzideen. Diese dritte Ebene verdeutlicht die kulturtheoretische Relevanz meiner Arbeit, da sie über das Abenteuer den Heldenmythos als solchen in Frage stellt.

 

Das Juan-Fernández-Archipel

Im Pazifischen Ozean gelegen und als chilenische Insel mit 630 Kilometern weit vom Mutterland entfernt, erstreckt sich die Robinson-Insel über 96,4 Quadratkilometer. Benannt ist die Insel, die zum Juan-Fernández-Archipel gehört, nach der Romanfigur Robinson Crusoe. Das gesamte Archipel steht als Biosphärenreservat unter dem Schutz der UNESCO, ist aber touristisch nicht von Bedeutung. Der Abenteurer Robinson Crusoe soll nach seinem Schiffbruch über 28 Jahre auf der Insel zugebracht haben, wie der Untertitel des 1719 erschienenen Romans verrät:

Das Leben und die ungewöhnlichen Abenteuer des weltberühmten Engländers Robinson Crusoe, welcher durch Sturm und Schiffbruch, wobei alle seine Reisegefährten elendiglich ertranken, bei der Mündung des Orinokostroms auf eine einsame Insel geworfen wurde, dort achtundzwanzig Jahre zubrachte und endlich auf die wundersamste Weise gerettet wurde. Von ihm selbst erzählt.

Die historische Vorlage zu Daniel Defoes weltberühmtem Romanhelden lieferte der Abenteurer und Seefahrer Alexander Selkirk, der tatsächlich über vier Jahre auf jener einsamen Insel lebte. Im Jahr 2008 fanden die Forscher David Caldwell und Daisuke Takahashi Selkirks Lagerplatz und einen Teil eines Stechzirkels, der sich eindeutig Selkirk zuordnen ließ, wodurch dessen Berichte archäologisch bestätigt sind. Daniel Defoe entwickelte seinen Roman auf Grund der Erzählungen Selkirks, die 1713 in „The Englishmen“ veröffentlicht wurden.

 

Die Helden Robinson Crusoe und Tony Butt

Daniel Defoe erzählt die Geschichte eines abenteuerlustigen Jungen, Robinson Crusoes, der von zu Hause ausreißt, um auf einem Schiff anzuheuern. Als Schiffbrüchiger erreicht er eine menschenleere Insel. Aus der Not heraus, völlig einsam und auf sich selbst gestellt zu sein, erfindet und beschafft sich Robinson im Laufe der Zeit nicht nur alles, was die absoluten menschlichen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Süßwasser und Schutz befriedigt, sondern auch ein gewisses Maß an Bequemlichkeit und Luxus. Daniel Defoe spiegelt in Robinsons Reich den Aufstieg und die Entwicklung der europäischen Kulturen. So wird aus dem ersten Schutz der Höhle bald schon eine Hütte und aus der ersten Tätigkeit als Jäger ein Ackerbauer, der dann zum Viehzüchter und Handwerker wird. Um schließlich eine gesellschaftlich-staatliche Ordnung begründen zu können, bedarf es weiterer Menschen, weswegen Freitag auftaucht. Robinson rettet den Wilden aus den Händen von Kannibalen und erzieht ihn in seinem christlich-idealtypischen Sinne. Mit ihm baut er das Inselreich aus und verteidigt es gegen Kannibalen. Robinson Crusoe errichtet eine Gemeinschaft, die für Defoe den Gipfel der Zivilisation darstellt. Ihm wurden oft rassistische Motive vorgeworfen, doch darf man trotz seiner Sicht der „Wilden“ und seinem missionarischen Vorgehen nicht vergessen, dass der Roman zu einer Zeit entstand, als viele den „Wilden“ noch nicht einmal den Status Mensch zuerkannten.

Tony Butt, der in England aufwuchs und an der Universität von Plymouth Ozeanographie studierte und dort Post Doctorial Research Fellow ist, lebt seit über 25 Jahren in Nordspanien. Er hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von naturwissenschaftlichen Büchern über das Meer und seine Wellen geschrieben und gilt international als Spezialist auf diesem Gebiet. Als herausragende Koryphäe in der Erforschung von Meereswellen, ihren meteorologischen Zusammenhängen und ihren Auswirkungen auf Küsten schöpft Tony Butt sein besonderes Können und Wissen als Wissenschaftler aus der Verbindung von Praxis und Theorie. Als Big Wave Surfer, der jeden Tag des Lebens im oder am Meer verbringt, kennt er leibhaft, worüber er wissenschaftlich nachdenkt. [1]

 

©Tony Butt

Tony Butt gilt als eine der widerspenstigsten, kantigsten und bedeutendsten Figuren der europäischen Surfszene – und das, obwohl er die Massen und den medialen Rummel, den Circus, wie er selbst zu sagen pflegt, scheut. Tony Butt, inzwischen beinahe 50 Jahre alt, ist weltweit als erfahrener Surfer besonders großer Wellen bekannt und wird als einer der ganz wenigen Europäer zu internationalen Big Wave Wettkämpfen eingeladen. Mit der physischen Auseinandersetzung mit dem Meer geht eine intellektuelle Auseinandersetzung einher, die weit über die Naturwissenschaft hinausreicht. In langen Gesprächen erzählt Tony Butt von seinen Gedanken über den Mikrokosmos der Wellenreiter, der für ihn lediglich ein Spiegelbild größerer menschlicher Gesellschaften ist. Ähnlich einem Ethnologen betrachtet er die Surfer als Ethnie, über die er soziologisch relevante Gedanken anstellt.

Jeden Tag muss Tony Butt, wie er selbst sagt, mehrere Stunden im oder am Wasser verbringen, um arbeiten zu können. Das Meer stellt einen derart bedeutenden Teil seines Lebens dar, dass Tony Butt in den letzten 30 Jahren nur vier Tage am Stück nicht am Meer verbracht hat – aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes in London. Tony Butt erkundet mit unermesslichem Eifer Küsten und Wellen, karthografiert und erforscht sie. An Tagen mit guten Wellen ist er von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang entlang der asturianischen Küste unterwegs. Er beobachtet bestimmte Wellen über Jahre hinweg und wartet auf den Tag, an dem endlich alle Faktoren stimmen, so dass er sie surfen kann. Um den zunehmenden Massen im Wellenreiten zu entgehen, zog sich Tony Butt nach Asturien zurück.

 

Big Wave Surfen

Das von Tony Butt betriebene Big Wave Surfen ist eine Spielform innerhalb des Wellenreitens, welche an dieser Stelle kurz erläutert werden soll. Als Big Waves gelten im allgemeinen Wellen ab einer Höhe von fünf, sechs Metern. Zwei entscheidende Gattungen gilt es zu unterscheiden: die eine Gruppe der Big Wave Surfer, zu denen auch Tony Butt gehört, paddelt die Wellen auf speziellen, extrem langen Brettern, so genannten „Guns“, selbst an. Die andere Gruppe benützt Jet Skis, um sich mit deren Hilfe in die extrem hohen Wellen ziehen zu lassen. Für Tony Butt ist es sowohl eine ökologische als auch eine ethische Frage des Respekts gegenüber dem Meer, Big Waves aus eigener Kraft anzupaddeln.

Die Gefahr des Big Wave Surfens liegt im „Wipe out“, einem Sturz in der brechenden Welle. Zunächst können derart große Wellen den Surfer sechs bis fünfzehn Meter unter die Oberfläche drücken, was ein rasches Auftauchen an die Wasseroberfläche unmöglich macht. Der Druck des Wassers ist so groß, dass für das Trommelfell die Gefahr des Platzens besteht, was zum Verlust des Orientierungssinns führen würde. Selbst mit intaktem Trommelfell ist die Reorientierung nach einem solchen „Wipe out“ enorm schwierig. Die größte Gefahr geht aber von „double“ oder „triple hold downs“ aus, also einem Sturz, der es dem Surfer nicht ermöglicht, zurück an die Wasseroberfläche zu gelangen, bevor eine zweite oder gar dritte Welle über ihm bricht. Mehrfache „hold downs“ bedeuten akute Lebensgefahr für die Surfer, die darauf vorbereitet sein müssen, die Luft extrem lang anhalten zu können und nicht in Panik zu geraten.

 

Arbeitsweise

Neben den Methoden der teilnehmenden Beobachtung werde ich Fotografie und Film einsetzten. Die Bildsprache der angedachten Fotos und des experimentellen Essayfilms vereint einen poetisch, experimentellen Blick, der einen sinnlichen direkten Bezug zum Abenteuer herstellt, mit einem diskursiven, dokumentarischen Ansatz. Die Meeres-, Surf- und Naturaufnahmen schaffen in dreierlei Hinsicht Raum: für die historische Figur Robinson Crusoe, für die emotionale Vermittlung des Sehnsuchtsgefühls der Abenteurer und für eine Innensicht der Big Wave Surfer auf den Raum Meer. Die winterliche Natur bekommt absichtlich den Beigeschmack unbezähmbarer Wildheit und Schönheit, um diesen dann in weiteren Schritten bildnerisch und textuell brechen zu können. Die Passagen aus Robinson Crusoe, die im Film nur im Off zu hören sind, werden von einer weiblichen Stimme eingesprochen. Dieser Schritt ist notwendig, um die scheinbare Domäne des männlichen Abenteurers zu brechen.

 


[1] Vgl.: Lachauer, Cyrill: Verkörpertes Arbeitswissen in der Shaping Bay – Die Leiblichkeit handwerklicher Fertigkeiten. München, 2006. Eigenverlag