Okkupierte Risse im Raum. Audiovisuelle Darstellung der kulturellen Aneignung von Landschaft im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet 20 Jahre nach Fall der Grenzen

Günter Marks (PhD Project), Betreung/Supervision: Prof. Dr. Undine Frömming

Geplante Laufzeit: März 2011- Februar 2014

 

Einleitung

Der Mensch prägt die Landschaft, genauso wie die Landschaft den Menschen prägt. Diese scheinbar so belanglose wie selbstverständliche Dichotomie hat sich über Jahrhunderte in den allgemeinen Erkenntnishorizont der Menschen geprägt. Erst zuletzt durch die Auseinandersetzung mit einem möglichen Klimawandel, der weltweiten digitalen Vernetzung, der Globalisierung von Märkten und den politischen Umwälzungen Ende des 20. Jahrhunderts hat diese Aussage auf breiter Basis eine Qualität gewonnen, die das menschliche Individuum als handelndes Element ins Zentrum eines Systems rückt, das global gedacht wird. Die politischen und gesellschaftlichen Modelle der einzelnen Staaten bilden jedoch den Spielraum auf lokaler und regionaler Ebene, in denen das Individuum agiert. Je unterschiedlicher die Modelle, desto unterschiedlicher die Handlungsspielräume, könnte man annehmen. Wie sich solch unterschiedliche Modelle aus unterschiedlichen Handlungsspielräume bei der Aneignung und Gestaltung von Landschaft ausprägen, wenn die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, wegfallen, sich ändern, beziehungsweise angleichen, soll Inhalt meines Promotionsvorhaben werden. Dafür wähle ich die Region der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze als Gegenstand der Untersuchung. An ihr will ich mit audiovisuellen Mitteln klären, wie sich der Niederschlag der unterschiedlichen politisch-gesellschaftliche Modelle nach deren Auflösung auf den Raum des ehemaligen Niemandslandes im Grenzgebiet darstellt. Kern der Fragestellung ist, wie vormals zerrissene Räume über die Aneignung durch die lokal agierenden Menschen an ihren Bruchstellen zusammen wachsen.

 

©Günter Marks 2011

Theoretisch-methodologischer Ansatz

Der Begriff der Natur lässt sich von den kulturellen Entwürfen der verschiedenen Gesellschaften nicht mehr trennen. Tim Ingold war es, der die statische Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen Natur und Kultur auflöste, indem er überging zu einer Beschreibung der dynamischen Synergien zwischen Organismus und Umwelt, um eine genuine Ökologie des Lebens zurückzugewinnen. Natur lässt sich nicht  als etwas der Kultur entgegen stehendendes, von vorn herein gegebenes feststellen, solange sie durch die Wahrnehmung der handelenden Akteure betrachtet wird. Die kulturelle Prägung des Einzelnen spiegelt sich in der Betrachtung der Elemente seiner Umwelt wieder, egal aus welch einem naturalistischen Umfeld sie stammen. Durch deren Betrachtung werden die Elemente inhaltlich ein Teil der kulturellen Kosmologie des Einzelnen. Natur unterwirft sich damit in erster Instanz der kulturell geprägten Wahrnehmung der handelnden Akteure und bleibt in zweiter Instanz zunächst nur noch als Begriff stehen. Dieser Begriff der Natur wird dann aber herausgehoben als das Ganze, ein sich ständig wandelndes Weltgesamtes. Dieses Ganze ist laut Ingold nie abgeschlossen, denn es unterliegt der ständig fortschreitenden Veränderung durch die Prozesse, die in ihm stattfinden. Es bildet sich immer wieder und zu jedem Zeitpunkt neu aus. Soweit ist der Begriff der Natur nicht mehr fassbar als Gegensatz zur Kultur, sondern umfasst sie und steht über ihr. Natur und Kultur lässt sich nicht mehr trennen. Was bleibt, ist eine Entsprechung, die Ingold in Organismus und Umwelt teilt.

 

   

 ©Günter Marks 2011

Vor diesem Hintergrund spielen politische und gesellschaftliche Lebensentwürfe als kulturelle Ausprägungen eine große Rolle. Sie bilden die Spielräume, in denen sich ein handelndes Individuum wiederfindet. Am stärksten treten die Unterschiede solcher Spielräume an den Grenzen von politischen und gesellschaftlichen Expressionen auf. Vor allem an Staatsgrenzen zeigt sich dieser Zusammenhang. Sie symbolisieren einen Riss zwischen unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen als direkte Auswirkung in der Landschaft. Insofern kann man von zerrissenen Räumen in einer Landschaft sprechen. In Europa war in den letzten 20 Jahren zu erleben, wie Grenzen immer durchlässiger wurden. Im Fall der deutsch-deutschen Wiedervereinigung fiel die Grenze komplett weg. Für die Bürger der DDR stellte das eine Art Katastrophenszenario dar, durch das die bisherigen Lebensentwürfe der einzelnen Individuen schlagartig auf den Prüfstand gestellt wurden. Was danach geschah, war eine Neuorientierung der Menschen auf der Seite der ehemaligen DDR und eine Aneignung der bis dato zerrissenen Räume durch die auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze lebenden Menschen.

Über die Arbeiten von David MacDougall und Sarah Pink lässt sich der Gedanke entwickeln, dass der sich in seiner Umwelt bewegende Körper eines Menschen zu jeder Zeit eine kulturell geprägte Identität in sich trägt, aus der das Individuum auf den Raum reagiert, den es durchläuft. Beispiele für eine solche Bewegung sind eine Wanderung oder ein Spaziergang, die ich beide als Methode in meine Untersuchung einführen werde. Während einer Wanderung oder eines Spazierganges tritt eine Person mit all seinen Sinnen dem Raum entgegen. Dieses kulturelle Phänomen kann ausgedrückt werden in einer transkulturellen Darstellung, wie sie im Film gegeben ist. Beides, das kulturelle Phänomen der Begegnung des Raums während einer Wanderung wie auch die transkulturelle Ausdrucksform in der späteren filmischen Präsentation unterscheiden sich nicht in ihrer Aussage, sobald sie auf die Situation bezogen werden, in der sie geschehen. Um mit Edward Casey zu sprechen: Der Raum wird mit kulturellem Inhalt aufgeladen und entwickelt sich somit zu einem Ort, an dem etwas Relevantes geschieht und über den man den Inhalt des Raums definieren kann. Über diese Definition lässt sich eine Aussage treffen.

Durch die Präsentation im Film wird der Ort aus der Situation entrückt, konserviert und abrufbar gemacht, um jederzeit nachvollziehbar auf die kulturellen Beweg- und Hintergründe schließen zu können. Um bei dem Beispiel einer Wanderung zu bleiben, in der der sich bewegende Körper eine Reaktion auf seine Umgebung zeigt: Die Reaktion beschreibt eine körperliche Erfahrung, die sich auf sinnliche Weise in den Film transportieren lässt, um sich dem Zuschauer zu vermitteln. Diesen Ansatz werde ich erweitern durch die Kollaboration, die in der Situation einer Wanderung zwischen dem porträtierten Individuum und mir als Filmemacher entsteht. Damit wende ich mich einer Schule zu, die in der Tradition von Jean Rouch steht. Ich werde als Filmemacher aktiv durch Interviews die Situation beeinflussen. Die Situation wird sich dadurch als Gesprächssituation darstellen, in der ich als Filmemacher dem Zuschauer transparent und präsent sein werde.

Die Gesprächssituationen während der Wanderungen und Spaziergänge stellen zusätzlich zu der Beobachtung des Raums vor Ort meine Feldforschung dar. Ich werde diese Gespräche an vier grundlegende Fragestellungen anlehnen, die sich an dem orientieren, was David MacDougall als neue Prinzipien für eine Visuelle Anthropologie herausgestellt hat. Zum Einen bedeutet das das Topografische, was so viel bedeutet wie eine Anthropologie von Ort und Raum. Das zweite Prinzip ist das Temporale, was die Anthropologie der Zeit beinhaltet. Als dritten Punkt bezeichnet er das Prinzip des Körperlichen, das sich auf die materielle Kultur bezieht. Als Viertes folgt das Prinzip des Persönlichen, was die anthropologische Schule der Kultur und Persönlichkeit fortsetzt. Aus diesen vier Prinzipien werde ich in den unterschiedlichen Situationen konzeptuelle Wege der Interaktion entwickeln, die sich audiovisuell aufbereiten lassen.

Ich verspreche mir von diesem Ansatz die Möglichkeit, wie Pink sagt, Erfahrungen von Menschen zu vermitteln, während sich der Wechsel von immateriellen Elementen der Umwelt in ihre materielle Umwelt graviert – in diesem Fall das Fortschreiten der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung nach dem Wegfall der Grenze, die sich qualitativ in der Aneignung der Landschaft ausdrückt. Durch die Präsentation im Film verspreche ich mir einen Effekt gleich eines Katalysators, der das ethnographische Verstehen von Erfahrungen aus dem Zusammenspiel zwischen Organismus und Umwelt unterstützt.

Die Kategorien, die Ingold mit Organismus und Umwelt geschaffen hat, weisen Ähnlichkeiten zu dem auf, was Gilles Deleuze in seinen Kommentaren zu Henri Bergson für den Film mit dem Begriff des Bewegungsbildes beschreibt. Für Deleuze lässt sich die Bewegung im Raum nicht teilen. Sobald man sie teilt, verändert sie ihren Charakter. Die Bewegung in einer Szenengliederung verweist immer auf eine größere, eine ständig fortlaufende Bewegung. Zwar finden die Bewegungen im Film in geschlossenen Ensembles einer Bildkadrierung statt. Diese einzelnen Ensembles beziehen sich durch ihre Aneinanderreihung jedoch aufeinander. Sie werden selber damit zu Objekten, die eine Bewegung im Raum vornehmen. So lässt sich das System der Ensembles und Objekte bis ins Unendliche steigern, bis es in einem Ganzen, einem Weltgesamten gipfelt, das sich zu jeder Zeit neu gestaltet.

Deleuze entwickelt im Weiteren neben dem Bewegungsbild das Zeitbild, das für mein Projekt ebenfalls eine Rolle spielen wird. Entgegen der sukzessiv aufeinander folgenden Bilder beschreiben die Zeitbilder visuelle Darstellungen, die von Raum und Objekten losgelöst sind. Sie provozieren eine tiefe Identifikation des Zuschauers, da sie Sinne und Erfahrungen ansprechen, die in dem Moment der Perzeption über das Hören und Sehen hinaus gehen. Deleuze bezeichnet solche Bilder als optische Bilder. Laura Marks verwendet für dieselben Bilder den Begriff der haptischen Bilder. Ich werde versuchen, auf einen Fundus von alten Fotografien und wenn möglich Videomaterial aus dem Besitz meiner Protagonisten zurückzugreifen. Diese Bilder werde ich in Verwendung und Aufbereitung als haptische Bilder (Marks) in das filmische Produkt integrieren. Sie sollen eine Reflexion des Vergänglichen durch die Veranschaulichung von Erinnerungen präsentieren. Das bedeutet einen Bruch in der Konzeption des Films als reine Raumerfahrung durch  sukzessiv ablaufende Wanderungen (Bewegungsbild). Dieser Bruch wirkt sich jedoch positiv auf das Endprodukt aus, solange sich die haptischen Elemente ausschließlich auf das Found-Footage-Material der Protagonisten beschränken.

Das Bewegungsbild von Deleuze bleibt für eine Darstellung der Aneignung von Landschaft jedoch von entscheidender Bedeutung. Wenn man das Objekt im Bewegungsbild mit dem Körper als Träger einer kulturellen Identität gleich setzt, erklärt sich einerseits die Möglichkeit, im Film eine Aussage über den kulturell aufgeladenen Raum zu treffen, der sich in einer Landschaft befindet. Andererseits zwingt es mich im Prozess der Feldforschung und Filmschaffung eine längere Dauer zu berücksichtigen. Ich gehe ich von einem Zeitrahmen für das gesamte Projekt von mindestens drei Jahren aus. Um noch einmal Deleuze zu bemühen, der sich auf Bergson bezieht: Das Neue ist nie an dessen Anfang zu erkennen. Am Anfang muss sich das Neue noch an die gegebenen Umstände anpassen und tritt deshalb wenn, dann nur in einer Tendenz zu Tage. Das Neue zeigt sich erst nach einer gewissen Dauer. Das rechtfertigt ebenfalls den Umstand, erst jetzt, 20 Jahre nach dem Abbau der Grenzanlagen eine solche Untersuchung vorzunehmen.