Das Andere der Ordnung. Visuell-anthropologische Analyse über das Erleben von Sinnkonstitution

Martin Tscholl (PhD Project), Supervision/ Betreuung: Prof. Dr. Urte Undine Frömming

Geplante Projektlaufzeit: April 2011- 2014

 

Zentraler Fokus des Forschungsprojekts sind Fragen nach dem Forschungsgegenstand und der Methodik Visueller Anthropologie: Hinsichtlich der enormen Komplexität moderner Gesellschaften, insbesondere des urbanen Raums und die damit einhergehende Flut von Wahlmöglichkeiten und Entscheidungszwängen, mit denen diese Gesellschaften ihre Individuen konfrontieren, mitunter überfordert, stellt sich die Frage nach der Erfindung und Stabilisierung von Identitäten in einer komplexen, dynamischen und widersprüchlichen sozialen Umwelt. Ausgangspunkt des Forschungsprojekts ist das aktuell diagnostizierte Orientierungsdilemma, bei dem der Mensch die historisch einmalige Gelegenheit zugesprochen bekommt, das Recht zu beanspruchen an seiner eigenen Erfindung beteiligt zu sein. Dieser emanzipatorische Gewinn ist jedoch von einem Entformungs- und Entleerungsrisiko (Schäfer) begleitet. Eine ethnologische Analyse von Sinnkonstitution des westlichen Menschen versucht an die aufgelösten traditionellen Lebensformen anzuschließen, die dem Menschen den Rückgriff auf ein lebensweltlich vorgefertigtes, inhaltlich bestimmtes und durch sozialen Konsens und konventionelle Weltbilder legitimiertes Identitätskonzept verwehrt. Eine ethnologische Analyse der Generierung und des Erlebens von Sinnkonstitution versteht sich in Anlehnung an die philosophische Anthropologie (Gehlen, Tugendhat) als kritische Theorie, da für sie die konstitutive Interpretationsaufgabe darin besteht, Wissen über den Menschen als moralisches Wesen zu beziehen. Die Selbsterfahrung ist an das Wissen um die Wirklichkeit gebunden, Weltverständnis und Identitätskonstitution sind miteinander verknüpft. Fragen nach Deutungssystemen des Menschen, der Generierung einer metaphysischen als auch einer praktischen Ordnung drängen sich auf: Wie wird die subjektive, soziale, als auch die objektive Welt des Einzelnen innerhalb der aktuellen Gesellschaftsperiode erlebt? Auf welche Realitäten, Rationalitäten und Konstruktionen stützt der Einzelne seine Erklärungen und Deutungen dieser Welten? Welche Anpassungsleistungen, Konzeptualisierungen und Normierungen hält er bereit, um sein Handeln, d.h. sein Verhältnis zu den Welten anzupassen?

Die Sozialwissenschaften, allen voran die Soziologie, haben sich vor allem auf die präzise Bestimmung des Gesellschaftssystems und seiner Subsysteme und Subsubsysteme – Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst, Organisationen, Familien, Netzwerke, Gruppen, Rollen, usw. - konzentriert, scheinen jedoch im Verständnis des Individuums, als den Gegenpart dieser Systeme und Strukturen, nicht wesentlich über die Klassiker der Fachgeschichte hinausgekommen zu sein. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kunst und Kultur von Popmusik über Film und Roman bis hin zu Malerei und Theater in der Annäherung an das Individuum der Wissenschaft den Rang abgelaufen haben. Diese Leerstelle kann das in den vergangenen Jahren rasant gewachsene ethnologische Interesse am Individuum füllen. Insbesondere an Themen wie Emotionen, dem Körper, den Sinnen, Gender, individueller Identität und der Ästhetik des Alltäglichen. Eine der Schwierigkeiten, diese Bereiche zu untersuchen und adäquat zu kommunizieren, ist es, eine Sprache zu finden, die sowohl auf erfahrungsbasierter, als auch auf metaphorischer Ebene vermittelt. Durch die Kapazitäten des Visuellen für Metapher und Synästhesie, sind gerade die genannten Bereiche für die  Visuelle Anthropologie von Bedeutung. Eine visuell-anthropologische Analyse von Sinnkonstitution kann mithilfe eines multisensorischen Bildansatzes verfolgt werden, der die Kapazitäten der Metapher und der Synästhesie aufgreift und den Rezipienten ethnographischer Filme das Gesehene erfahren lässt.

Das bewusste Leben des Einzelnen wird in diesem Forschungsprojekt mit Hilfe der visuell-anthropologischen Praxis erfahrbar gemacht. Die Erstellung ethnographisch-filmischer Arbeiten ist dabei besonders fruchtbar, da die Erfahrung der eigenen Identität nicht nur als Handlung, sondern auch als Text, als Erzählung seiner selbst wahrgenommen werden kann. Es geht folglich darum, mithilfe ethnographischer Feldforschung einen Zugang zur Gedankenwelt der Subjekte zu erhalten. Die Interpretation des sozialen Diskurses ist hierbei die Erstellung eines ethnographischen Films, der aufgrund seiner medialen Charakteristika einer eigenen inneren Logik folgt. Folglich geht es um das Festhalten von Bedeutungen, die Erweiterung des menschlichen Diskursuniversums als systematische Untersuchung von Sinn, seinen Trägern und um das Verstehen von Sinn und der Frage nach der subjektiven Wirklichkeit der Protagonisten und die Interpretation des Wirklichen durch die mediale Darstellung.

Die Methodik der Forschungsarbeit orientiert sich an dem Ansatz der Ethnofiktion (Rouch), der konstant an einer dramatischen Inszenierung der Lebenswirklichkeit der Protagonisten arbeitet, um ethnographische Forschung und deren visuelle Repräsentation durch eine narrative Filmstruktur zu ermöglichen. Bei dieser Form von inszenierten Szenen wird sich der Protagonist über eine nicht gekannte Rolle seiner selbst bewusst, die nicht zuvor in einem sozialen, sondern in einem psychischen Rahmen erlebt worden ist. Mit der Methode der Ethnofiktion können die Gedankenwelten der Protagonisten nach außen gekehrt werden, so dass sie erfahrbar werden. Dieser kollaborative Ansatz des improvisierten Spiels erzeugt ein surreales Geflecht aus Erfahrung und Erinnerung, in der das Unterbewusstsein der Protagonisten durch eine von externen Faktoren provozierte Katharsis erfahrbar gemacht werden kann.

 

still: ©Martin Tscholl 2010

Die spezifische Bildgenerierung orientiert sich an der Theorie des Haptic Cinema (Marks). Das Auge wird in diesem filmtheoretischen Ansatz analog zum Tastsinn verstanden. In den taktilen Sinnen soll spezifisches privates Erinnerungsvermögen gespeichert sein. Es werden verschiedene Techniken der Bildgenerierung angewandt, um dieses Vermögen anzusprechen und um diesen Erfahrungen und Erinnerungen Ausdruck zu verleihen. Die taktilen Sinne werden durch das visuelle asymptotisch angesprochen. Im Gegensatz zur diegetischen Form der Ethnofiktion, versteht sich die haptische Bildgenerierung als mimetischer Ansatz, der hier als taktile Epistemologie verstanden wird. Es ist ein System der Erinnerung, das durch den Kontakt mit Materialität Information beinhaltet. Die haptische Vision betont die Materialität und die Beschaffenheit eines Objektes. Dadurch kann sensorische Erfahrung durch den Körper vermittelt werden. Versteht man nun die Mimesis als eine Form des metaphorischen Erkenntnisgewinns, nicht im symbolischen Sinne, sondern im Sinne einer rhetorischen Figur, geht es hier um die Textur und strukturelle Anordnung des Bildes und nicht um die repräsentative Kraft des symbolischen Charakters des Abgebildeten. Durch die Hilfe dieses multisensorischen Bildansatzes ist es möglich, den Erfahrungswert des Einzelnen zu transportieren, um ihn erfahrbar zu machen.

 

still: ©Martin Tscholl 2010

Das Forschungsprojekt führt die kontemporären Ansätze der Visuellen Anthropologie,- mit Ansätzen der Philosophie, Soziologie und den Filmwissenschaften zusammen und verspricht dadurch neue Erkenntnisse gegenüber dem Forschungsgegenstand und Methodik Visueller Anthropologie.