DFG-Projekt "Kollektive Strategien im Umgang mit AIDS in Tanzania"

DFG-Projekt ‘Kollektive Strategien im Umgang mit AIDS in Tanzania:

Krankheitserfahrungen von MigrantInnen und ihren sozialen Netzwerken im Stadt-Land-Vergleich.

Projektleiterin: Ute Luig
Projektbearbeiter: Hansjörg Dilger
Laufzeit: 1999-2002

Projektbeschreibung

HIV/AIDS breitet sich in Tanzania und weiten Teilen des subsaharischen Afrikas stetig aus. Neben der medizinischen Forschung, die auf die Behandlung der Krankheit zielt, trägt ethnologisch-sozialwissenschaftliche Forschung in hohem Maße dazu bei, nähere Kenntnisse über die Lebenssituationen von Menschen mit HIV/AIDS und ihrem sozialen Umfeld zu gewinnen. Für die Planung von AIDS-Programmen sollte die Einbeziehung der hierbei gewonnenen Erkenntnisse eine unabdingbare Voraussetzung sein.

Ziel des DFG-Projekts ‚Kollektive Strategien im Umgang mit HIV/AIDS in Tanzania’, das von 1999 bis 2002 am Berliner Institut für Ethnologie bearbeitet wurde, war die Untersuchung der Lebenssituationen von Menschen mit HIV/AIDS sowie ihren (Groß-)Familien in urbanen und ländlichen Gegenden Tanzanias. Wesentlich war dabei zum einen die Frage, wie HIV-Infizierte bzw. AIDS-Kranke im weitesten Sinne ihren Lebensalltag und ihre Krankheit meistern und wie sie dabei von ihrem familiären und sozialen Umfeld unterstützt werden. Zum anderen wurde erforscht, wie der moralische Kontext und das starke Stigma, das AIDS insbesondere in ländlichen Gebieten anhaftet, sich auf den Umgang mit HIV/AIDS-Erkrankungen in Familien – sowie auf die Suche nach medizinischer Behandlung und den Umgang mit der Infektion in der eigenen Sexualität – auswirken.

Aufgrund der hohen Arbeitsmigration aus dem ländlichen Raum in die urbanen Zentren wurden ‘Stadt’ und ‘Dorf’ als gegenüberzustellende Untersuchungsgebiete der Forschung definiert: Da die Verquickung urbaner und ländlicher Gebiete heute aufgrund von Arbeits- und Handelsmigration zu einem festen Bestandteil der Lebensrealität von (Groß-)Familien im östlichen Afrika geworden ist, war die zugrunde liegende Annahme, dass eine Erfassung der Lebenssituationen HIV-Infizierter und ihrer Familien nur unter der Berücksichtigung beider lokaler Kontexte geleistet werden kann. Die Forschung konzentrierte sich daher auf HIV-infizierte ArbeitsmigrantInnen, die in den Städten arbeiten oder Handel treiben und die nach Ausbruch der Krankheit oftmals in ihr Heimatdorf zurückkehren.

Die insgesamt 13monatige Feldforschung, die vorwiegend auf der Teilnehmenden Beobachtung und qualitativen Interviews beruhte, zeigte folgendes:
  • Der Umgang mit HIV/AIDS-Erkrankungen ist in Tanzania einer stark moralischen Praxis unterworfen: Konflikte, die die Situation in den betroffenen Familien bereits vor Ausbruch der Krankheit geprägt haben und die ihre Wurzeln meist in der Arbeits- und Handelsmigration der erkrankten Verwandten haben, werden im Verlauf der Krankheit – und oft über den Tod von Angehörigen hinaus – artikuliert. Thematisiert werden familiäre Konflikte dabei zum einen in der rituellen Praxis, zum anderen unter Bezugnahme auf Diskurse über Hexerei und Tabubrüche, die sich stark mit biomedizinischen Konzepten von HIV/AIDS vermischen und von diesen kaum zu trennen sind (Dilger, im Druck).

  • Brüche in (groß-)familiären und/oder partnerschaftlichen Beziehungen treten insbesondere in der Pflege und Versorgung von Sterbenden bzw. Schwerkranken zutage. Ein Teil dieser Brüche, von denen am stärksten jüngere, sozial schwache Frauen – in einem geringeren Umfang auch Männer – betroffen sind, wird innerhalb von neuen religiösen Bewegungen und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) in den urbanen Zentren kompensiert: Insbesondere junge Frauen finden in einer Pfingstkirche und in AIDS-NGOs Dar es Salaams einen sozialen und spirituellen Raum, in dem Risse im Solidargefüge teilweise kompensiert werden (Dilger 2001a, 2003).

  • Zusammenfassend zeigten die Ergebnisse des Projekts, dass neben den ökonomischen und politischen Dimensionen, die die Form und Verbreitung der HIV/AIDS-Epidemie in Afrika nachhaltig bestimmen, künftig auch den kulturellen, moralischen und religiösen Prozessen, in die der Umgang mit der Krankheit auf lokalen und familiären Ebenen eingebettet ist, differenziertere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss (vgl. Dilger 2001b).

Publikationen
  • (wird Anfang 2004 fertiggestellt). "'The Power of AIDS'. Verwandtschaft, Zugehörigkeit und moralische Praxis im Spannungsfeld von Stadt-Land-Migration in Tanzania"; Dissertationsschrift am Institut für Ethnologie der Freien Universität Berlin.

  • Im Druck. "Silences and Rumours in Discourses on HIV/AIDS in Tanzania. On the Meaning of Culture in the Growing Epidemic"; in: Biakolo, Emevwo, Joyce Mathangwane und Dan Odallo (Hrsg.): The Discourse of HIV/AIDS in Africa; UNAIDS, Pretoria und Department of English, University of Botswana

  • 2003. "Mit Hoffnung leben: AIDS und Religion im urbanen Tanzania"; in: Wolf, Angelika und Viola Hörbst (Hrsg.): Medizin und Globalisierung. Universelle Ansprüche - lokale Antworten; Münster – London, LIT: 177-202.

  • 2002a. "Suche nach ganzheitlicher Heilung. Nachgefragt bei Hansjörg Dilger" (Interview mit Bernd Ludermann); in: der überblick 38 (2) 2002 (Themenheft ‘Tanzania’): 112-13.

  • 2002b. "Leben mit AIDS in Tanzania. Ein Forschungsprojekt zur Lebenssituation von HIV Infizierten und ihren Familien"; in: fundiert. Wissenschaftsmagazin der Freien Universität Berlin, Themenheft ‘Seuchen und Plagen’, 02/2002: 66-73

  • 2001a. "‘Living positHIVely in Tanzania’. The global dynamics of AIDS and the meaning of religion for international and local AIDS work". In: afrika spectrum, 36 (1) 2001: 73-90.

  • 2001b. "AIDS in Africa. Broadening the perspectives on research and policy-making. An introduction". In: afrika spectrum, 36 (1) 2001: Special issue ‘AIDS in Africa. Broadening the Perspectives’: 5-16.

  • 2000. "Es fehlt nicht nur Geld, es fehlt der Wille: AIDS kann in Afrika bekämpft werden - aber nur mit den Regierungen"; in: die tageszeitung (taz): 1. Dezember 2000 (Nachdruck in: Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen: Informationsdienst ‘Bevölkerung und Entwicklung’, Nr. 45, Feb. 2001: 9)

Schlagwörter

  • Ethnologie, FU Berlin, Südasien, Orissa, Naturkatastrophen
SFB 1171 Affective Societies
BGSMCS
Berlin Southern Theory Lecture