DFG-Projekt: Herausforderungen an Journalismus: Zum Verständnis von performativen Öffentlichkeiten durch Media Practice

Projektlaufzeit: 3 Jahre (ab Mai 2020)

Das Projekt erforscht auf Basis eines praxistheoretischen Rahmens das Entstehen performativer Öffentlichkeiten rund um die Silvesternacht 2016 und die #metoo-Debatte in Deutschland. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für drei Jahre gefördert.

Journalismus hat die exklusive Funktion, der Gesellschaft Themen von Relevanz zur Selbstverständigung zur Verfügung zu stellen, zweifellos eingebüßt. Längst sind andere Akteur*innen, seien es zivilgesellschaftliche Akteur*innen, seien es Privatpersonen, mittels alltäglich verfügbarer digitaler Medien unabhängig vom Journalismus in der Lage, Themen zu setzen und ihre Deutung intensiv und oftmals kontrovers zu verhandeln.

 Exemplarisch wurde dies bei den Ereignissen der ‚Kölner Silvesternacht‘ 2016/17 sowie bei der Debatte um #metoo deutlich. Sichtbar wird hier auch, dass mit den komplexen und kontroversen Formierungen von Öffentlichkeiten Wandlungen in deren Geschlechterstrukturen einhergehen. Gegenstand des Forschungsprojekts sind deshalb die Handlungs- und Deutungshoheiten von Journalismus, die durch vernetzte und digitale Kommunikation herausgefordert werden. Neben professionellen Journalist*innen werden zivilgesellschaftliche Akteur*innen und alltägliche Nutzer*innen als gleichberechtigte Kommunikator*innen betrachtet.

Diese Herausforderung an den professionellen Journalismus wird als Ergebnis veralltäglichten Handelns mit Medien (media practice) dieser verschiedenen Akteur*innengruppen ethnographisch beobachtet, mittels Datenanalyse nachgezeichnet und theoretisch mit dem analytischen Konzept von Media Practice adressiert. Anstelle einer dichotomen Unterscheidung von privat versus öffentlich legt das Projekt eine graduelle Unterscheidung zwischen den Polen persönlicher und öffentlicher Artikulation zu Grunde. In den Fokus rückt in dieser Analyse das Zusammenwirken etablierter und neuer Akteur*innen öffentlicher Kommunikation und die Auseinandersetzungen über marginalisierte Sprecher*innenpositionen im öffentlichen Diskurs um Geschlecht und Migration.

Methodisch setzt sich das Projekt zum Ziel, praxeologische Kommunikationsforschung durch eine Verbindung von digitalen, inhaltsanalytischen und ethnographischen (insbes. Befragung) Methoden in der deutschen Kommunikationswissenschaft zu etablieren. Das Projekt wird im Mai 2020 starten und beinhaltet u.a. eine Kooperation mit Axel Bruns von der Queensland University in Brisbane, Australien. Die Projektleitung liegt bei Margreth Lünenborg (Freie Universität Berlin) in Kollaboration mit Christoph Raetzsch (Aarhus University, Dänemark).


Bisherige Veröffentlichungen zum Thema:

Margreth Lünenborg, Christoph Raetzsch (2018). “From Public Sphere to Performative Publics: Developing Media Practice as an Analytic Model”. In Media Practices, Social Movements, and Performativity: Transdisciplinary Approaches, Susanne Foellmer, Margreth Lünenborg, Christoph Raetzsch (Hrsg.), 13-35. Abingdon: Routledge.

Margreth Lünenborg (2019). “Affective Publics”. In Affective Societies. Key Concepts. Jan Slaby, Christian von Scheve (Hrsg.), 319-329. Abingdon: Routledge.

Christoph Raetzsch (2017). “Journalism Studies Beyond Journalism: A Critical and Appreciative Dialogue with Michael Schudson.” Journalism Studies 18(10): 1277-1292. DOI: 10.1080/1461670X.2017.1338151.

Christoph Raetzsch, Henrik Bødker (2016). “Journalism and the Circulation of Communicative Objects“. Sonderausgabe zu "Digital Circulation". Balbi, G., Delfanti, A., Magaudda, P. (Hrsg.). Tecnoscienza. Italian Journal of Science & Technology Studies 7(1): 129-148.

Stellenausschreibungen zu einer PostDoc Stelle (TV-L 13, 100%) und einer Doktorand_innen-Stelle (TV-L 13, 65%) werden zum Jahresbeginn 2020 folgen. Bei Interesse an diesem Projekt oder einer Zusammenarbeit können Sie sich an Margreth Lünenborg (margreth.luenenborg@fu-berlin.de) wenden.

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