Springe direkt zu Inhalt

Nachruf auf PD Dr. Bodo von Greiff (1940 - 2026)

Bodo von Greiff war dem Otto-Suhr-Institut über viele Jahre verbunden. Zwischen 1973 und 1980 war er Assistenzprofessor für „Idealistische und dialektische Erkenntnistheorie“ (so lautete die Stellenbeschreibung). Danach wurde seine Stelle geteilt: Mit der einen Hälfte war er bis 2005 als Dozent am OSI tätig, mit der anderen Hälfte war er bis 2007 der leitende Redakteur der Zeitschrift Leviathan.

Nach einer zweieinhalbjährigen Ausbildung zum Industriekaufmann studierte Bodo von Greiff in München, Montpellier und Berlin die Fächer Philosophie, Soziologie und Ökonomie. Die Studenten der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in West-Berlin waren seit Mitte der 1960er Jahren die treibenden Kräfte der sog. Außerparlamentarischen Opposition. Sie trauten der jungen Demokratie der Bundesrepublik, ihren politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Eliten, nicht über den Weg und fürchteten die Wiederkehr des autoritären Staates. Diese Furcht war nicht unbegründet: Die Eliten der jungen Bundesrepublik rekrutierten sich aus Mitgliedern jener Generation, die die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus zu verantworten hatte, aber dann nicht verantworten wollte und sie mit „ölhäutiger Gelassenheit“ (Klaus Heinrich) beschwieg.

Bodo von Greiff war nicht nur aktiver Teil der Außerparlamentarischen Opposition, sondern an herausgehobener Stelle bei der Aufarbeitung des zentralen Schlüsselereignisses dieser Protestbewegung zugegen: Am 2. Juni 1967 wurde in Berlin während einer Demonstration gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Bodo von Greiff war einer der fünf Autoren der Zeitschrift Kursbuch, Heft 12, die unter dem Titel „Der nicht erklärte Notstand. Dokumentation und Analyse eines Berliner Sommers“ auf 200 Seiten den Versuch unternahm, die genauen Umstände, die gesellschaftliche Vorgeschichte, die Kontexte und die Folgen dieses Ereignisses zu dokumentieren und zu analysieren.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit konzentrierte sich Bodo von Greiff auf das erkenntnistheoretische Problem der Begründung objektiv gültigen Wissens, die spannungsreiche Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und die ganz einfache und praktische Frage nach der Kunst des Schreibens und Publizierens. Von Immanuel Kant übernahm er die Einsicht, dass Erkenntnis kein passiver Abbildungsvorgang der äußeren Realität ist, sondern „die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt“ (Kritik der reinen Vernunft), mithin als Produktionsvorgang verstanden werden muss. Daraus entsteht die Frage, woher denn die subjektiven Kategorien des reinen Verstandes, die uns nach Kant apriori gegeben sind, eigentlich stammen. Das ist das Thema der Dissertation von Bodo von Greiff: „Gesellschaftsform und Erkenntnisform. Zum Zusammenhang von wissenschaftlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Entwicklung“ (als Buch erschienen: Frankfurt am Main 1976). Von Karl Marx übernahm Bodo von Greiff die Einsicht in die zentrale Stellung der industriellen Arbeit für die moderne bürgerliche Gesellschaft. Mit Max Weber interessierten ihn die „Kulturbedeutung“ der Wissenschaft und die „Rationalisierung“ der modernen Lebenswelten. Mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und dem Technikphilosophen und Kulturkritiker Günther Anders teilte er die Verzweiflung über die technische Entwicklung „von der Steinschleuder zur Megabombe“ (Theodor W. Adorno), mit der die Menschheit die alle vernünftigen Grenzen überschreitende Fähigkeit entwickelt hat, den Planeten, auf dem sie lebt, zu vernichten.

In diesem Spannungsfeld von Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie, von Wissenschaftskritik und der Kunst des Schreibens und Publizierens liegen die Themen der Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen von Bodo von Greiff. Wer dachte, dass angesichts des verhängnisvollen Gangs der Weltgeschichte die kleinen Dinge des Schreibens, des Verstehens und des persönlichen und öffentlichen Austauschs ganz unwichtig geworden seien, sah sich getäuscht. Bodo von Greiff lebte und verkörperte die Maxime: Jeder Text, jeder Absatz, jeder Satz ist wichtig und muss ernst genommen werden. Das war sein Anspruch an sich selber, es war das, was er den Studenten nahezubringen suchte, und es war das, was er in seiner Tätigkeit als „chief editor“ des Leviathan, die er 25 Jahre lang ausübte, auch von den Autoren verlangte.

Wer sich darauf einlassen konnte und wollte, wurde mit Aufmerksamkeit, geduldigem Austausch, Genauigkeit und Zeit reich beschenkt. Die Studenten konnten die ungewöhnliche und irritierende Erfahrung machen, dass der Dozent ihre Protokolle und Hausarbeiten genauso ernst nahm wie ein Manuskript von Jürgen Habermas – worauf einige von ihnen gerne mit der abwehrenden Geste reagierten, dass sie es nun so ernst auch wieder nicht gemeint hatten. Wer als Autor und/oder Mitherausgeber des Leviathan mit ihm kooperieren durfte (wie der Autor dieses Nachrufs), machte die korrespondierende Erfahrung, dass die Atemlosigkeit und Rastlosigkeit des universitären und außeruniversitären Wissenschaftsbetriebs als Entschuldigung und Begründung für Nachlässigkeiten, schlecht geschriebene Texte und schlecht durchdachte Argumente nicht akzeptiert werden.

Das Otto-Suhr-Institut und die gesamte scientific community sollten ihm danken und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Helmut König

(Helmut König war von 1984 bis 1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hochschulassistent am OSI, danach Professor für Politikwissenschaft an der RWTH Aachen und von 1989 bis 2014 Mitherausgeber des Leviathan.)

 

SFB 700
banner_osiclub