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Working Paper Nr.5

Abstract

Wohlbekannt ist, dass Hannah Arendt der Idee unveräußerlicher Menschenrechte skeptisch gegen­überstand. Gemeinhin wird ihre Skepsis durch das empirische Faktum des Versagens der Menschen­rechte während des Zeit des Holocausts begründet und damit eher auf eine pragmatische Einschätzung zur politischen Durchsetzbarkeit überstaatlich definierter Menschen­rechte denn auf eine philosophische Position zurückgeführt.

Diese Lesart der arendtschen Menschenrechtskritik greift jedoch zu kurz. Der Vorwurf der Unbrauch­barkeit von Menschenrechten ist eingebettet in Arendts Kritik an der philoso­phischen Tradition insge­samt und trägt die Züge von Arendts Auseinandersetzung mit der Scholastik des Aurelius Augustinus und dem Frühwerk Martin Heideggers. Die vorliegende Arbeit zieht folglich Arendts Augustinus-Dissertation sowie Sein und Zeit heran, um das philosophische Begründungsgerüst der arendtschen Menschenrechtskritik herauszuarbeiten. Als deren zentrales Element wird ein von Arendt immer wieder aufgegriffenes erkenntnis­theoretisches Dilemma der Philosophie und ihres Werkzeugs, der Sprache, herausgestellt: die Unmöglichkeit, das überzeugend zu definieren, was jeden Menschen einzigartig und damit schützenswert macht – sein Personsein. Die philosophische Logik lässt Menschen immer nur als Bündel von Eigenschaften erscheinen, die für sich die Schutzwürdigkeit des Einzelnen nicht plausibel machen können, ihr entzieht sich die durch Einzigartigkeit erst hervor­gebrachte Pluralität des politischen Raumes. So kann eine jede Menschenrechtstheorie als Produkt philosophischer Abstraktion zwar einen Katalog von Normen aufstellen, doch die eigentliche Achtung jedes einzelnen Menschen kann sie damit nicht erwirken. Schlimmer noch, sie hat als Ausgangs­punkt ein entpersonalisiertes Menschenbild, an das sich, mangels intuitiver Erfassbarkeit der Würde des Einzelnen, auch menschenverachtende Theorien anschließen lassen.

In dieser Studie wird Arendts Beschreibung des Holocaust unter Gesichtspunkten der von ihr allgemein formulierten Philosophiekritik untersucht und so der Brückenschlag zwischen ihren erkennt­nistheoretischen und empirischen-analytischen Aussagen voll­zogen. Die Menschenrechtskritik wird auf diese Weise im begrifflichen Kosmos Arendts lokalisiert.

Im Anschluss daran wird ein weites Konzept des „Rechts auf Rechte“ vorgestellt, welches der von Arendt formulierten These Rechnung trägt, der blinde Punkt der Philosophie hin­sichtlich der Perso­nalität des Einzelnen könne nur kompensiert werden durch die Schaffung eines politischen Raums, in welchem der lebensweltliche Umgang der Menschen mit­einander einen zweiten Erkenntnismodus jenseits der philosophischen Logik eröffne. Eine Begrenzung des „Rechts auf Rechte“ auf einen formal-juristischen Status erscheint vor diesem Hintergrund unzulässig, da die Anerkennung seiner Rechtsfähigkeit für das Subjekt politische Rahmenbedingungen voraussetzt, in denen dieses seinen Mitmenschen das eigene Personsein stets offenbaren kann – ein Anspruch mit weitreichenden Implikationen für die Beschaffenheit politischer Gemeinwesen.

Autorenangabe

Anna Schulze hat in den Jahren 2004 bis 2010 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und an der Université de Pau et des pays de l'Adour Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Politische Theorie studiert. Parallel dazu begann sie ein Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universität, welches sie im September 2014 mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen hat. Sie ist Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich 700 für Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit im Teilprojekt "Rule of Law als Governance-Ressource" und arbeitet daneben als freie Lektorin.