Interview mit Prof. Dr. Gülay Çağlar zum neuen Masterstudiengang in der Tagesspiegel-Beilage vom 23. Februar 2019:

Prof. Dr. 	Gülay Çaglar

Prof. Dr. Gülay Çaglar
Bildquelle: Martin Funck

Politik der Ungleichheit

Neuer Masterstudiengang startet im Herbst

News vom 04.03.2019

Ein neuer Masterstudiengang beginnt zum Oktober dieses Jahres an der Freien Universität Berlin: „Gender, Intersektionalität und Politik“. Bewerbungsschluss ist der 31. Mai. Professorin Gülay Çaglar über Inhalte und Ziele des konsekutiven politikwissenschaftlichen Studiengangs.

Frau Professorin Çaglar, Sie haben den neuen Masterstudiengang konzipiert – was steht auf dem Lehrplan?

Politik ist von Machtverhältnissen durchdrungen. In der Politikwissenschaft geht es stets um die Frage, wie Ressourcen verteilt werden, wer darüber entscheidet und welchen Effekt diese Entscheidungen haben. Der Studiengang befähigt dazu, die Kategorie Geschlecht für die intersektionale Analyse von politischen Prozessen, Interaktionen und Strukturen anzuwenden. Das heißt, er vermittelt die theoretischen und methodischen Kenntnisse, um die geschlechtsspezifische Dimension von politischen Machtverhältnissen zu verstehen und ihre Verwobenheit mit anderen Differenzkategorien herausarbeiten zu können. Das sind wichtige Kompetenzen, um fundiert Aussagen darüber machen zu können, welche politischen Bedingungen zur Verschärfung von Ungleichheitsverhältnissen führen oder welche Gruppen und Perspektiven im Prozess politischer Entscheidungsfindung ausgeschlossen werden.

Darauf zielt der Begriff Intersektionalität?

Ja. Es geht nicht nur um geschlechtsspezifische Ungleichheitsverhältnisse, sondern um die Multidimensionalität von Ungleichheit und wie sich dies in der Politikwissenschaft operationalisieren lässt. Es ist wichtig zu verstehen, dass Intersektionalität nicht einfach mit Mehrfachdiskriminierung gleichzusetzen ist. Es geht nicht um die bloße Summe der Diskriminierungen, zum Beispiel aufgrund der Geschlechtsidentität, der Hautfarbe und des sozialen Standes oder einer Beeinträchtigung. Vielmehr sind Menschen von einer spezifischen Diskriminierung betroffen, die gerade aus der Überschneidung von Differenzkategorien resultiert.

Das hört sich ein wenig abstrakt an.

Der Begriff Intersektionalität wurde von der US-amerikanischen Juraprofessorin Kimberlé Crenshaw Ende der 1980er eingeführt. Am Beispiel juristischer Fälle zeigt sie, dass schwarze Frauen von einer spezifischen Diskriminierung – die weder weiße Frauen noch schwarze Männer trifft – betroffen sind. Ein Beispiel bezieht sich auf die Klage einer Gruppe schwarzer Frauen gegen den Arbeitgeber General Motors in den 1970er Jahren. Es waren hauptsächlich schwarze Frauen von den Entlassungen des Konzerns betroffen, was daran lag, dass nach dem Senioritätsprinzip entlassen wurde, also die Länge der Betriebszugehörigkeit den Ausschlag gab. Schwarze Frauen waren aber überhaupt erst nach dem Civil Rights Act von 1964 eingestellt worden. Das Gericht erkannte weder eine geschlechtliche noch eine rassistische Diskriminierung an, da weiße Frauen ja schon zuvor eingestellt worden waren und schwarze Männer die Entlassungen nicht im gleichen Maße traf.

Wie unterscheidet sich der Studiengang an der Freien Universität mit dem Fokus auf Ungleichheit von anderen Angeboten?

Mit dem neuen Studiengang setzen wir auf unsere Stärken in Dahlem. Der Studiengang ist disziplinär in der Politikwissenschaft verortet – der Fokus auf Intersektionalität macht ihn deutschlandweit einmalig. Darüber hinaus bieten wir die Möglichkeit zur interdisziplinären und transregionalen Vertiefung der Kenntnisse. Dadurch wird die regionalwissenschaftliche Expertise der Freien Universität einbezogen – wir setzen Schwerpunkte zum Beispiel auf Lateinamerika, Ostasien, aber auch Osteuropa.

Was heißt das konkret für das Studium?

Wir wollen eine eurozentrische Sichtweise vermeiden oder überwinden helfen. Mit den Virtual Classrooms werden wir ein innovatives Lehrformat anbieten. In gemeinsamen Lehrveranstaltungen mit Kolleginnen und Kollegen an ausländischen Hochschulen wollen wir die Lernräume mithilfe von elektronischen Medien zusammenführen und somit auch die Perspektiven der unterschiedlichen Regionen der Welt.

Online: www.ma-gip.polsoz.fu-berlin.de

Die Fragen stellte Kerrin Zielke.

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