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Nachruf auf Leo Ahrens

News vom 18.03.2026

Leo Ahrens (7. Oktober 1990 – 23. Dezember 2025)

Mit großer Bestürzung nehmen wir Abschied von unserem ehemaligen Kollegen, Doktoranden und Freund Leo Ahrens, der uns viel zu früh verlassen hat.

Leo hat uns immer wieder mit seinem präzisen theoretischen Verständnis, seinen methodischen Fähigkeiten und seiner großen Hilfsbereitschaft beeindruckt. Leo war sehr neugierig und legte eine ansteckende, fast kindliche Freude an den Tag, wenn er etwas Neues entdeckt hatte. Zudem war er ein Hanseat im besten Sinne: Unprätentiös, verlässlich, direkt und mit einem trockenen Humor gesegnet, der uns viel Freude geschenkt hat.

Bereits als Masterstudent der Politikwissenschaft an der Universität Bamberg fiel er im ersten Semester durch sein besonderes Interesse, seine analytische Schärfe und seine kritischen Nachfragen auf. Sehr bald wurde er studentische Hilfskraft, später wissenschaftlicher Mitarbeiter, zunächst im Horizon 2020-Projekt „Combatting Fiscal Fraud and Empowering Regulators (COFFERS)“, später, an der Freien Universität Berlin im Arbeitsbereich Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie. In Konstanz bereicherte er ebenfalls als wissenschaftlicher Mitarbeiter die DFG-finanzierte Emmy Noether Gruppe „Spielarten des Egalitarismus“.

Trotz seines jungen akademischen Alters haben Leos Arbeiten die politische Ökonomie, die Untersuchung öffentlicher Meinung sowie die Steuer- und Wohlfahrtsstaatforschung bereits nachhaltig geprägt. Seine Forschung verband theoretische Präzision mit methodischer Strenge und widmete sich einigen der zentralen politischen Herausforderungen unserer Zeit: Ungleichheit, Umverteilung, Besteuerung und demokratische Responsivität. Leos wissenschaftliches Werk war geprägt von konzeptioneller Klarheit, innovativen Messansätzen und der Bereitschaft, etablierte Annahmen kritisch zu hinterfragen.

Ein zentraler Schwerpunkt seiner Forschung war die Frage, wie wirtschaftliche Ungleichheit die Nachfrage nach Umverteilung formt. In einflussreichen Veröffentlichungen wie „Unfair Inequality and Demand for Redistribution“ (Socio-Economic Review) und „Asymmetric Effects of Income and Unemployment“ (West European Politics) zeigte Leo, dass Umverteilungspräferenzen nicht mechanisch aus individuellen materiellen Positionen abgeleitet werden können. Er argumentierte stattdessen, dass Fairnesswahrnehmungen – nicht Ungleichheit an sich – entscheidend sind. Um dies zu beweisen, entwickelte er das innovative Maß „unfaire Ungleichheit“, das auf Verdienstproportionalität basiert. Mit Paneldaten belegte er zudem, dass Menschen auf Einkommensverluste und Arbeitslosigkeit asymmetrisch reagieren – ein Befund, der klassische Beiträge wie das Meltzer–Richard-Modell in Frage stellt und die Grenzen von Rationalität betont.

Zudem interessierte sich Leo für den Zusammenhang zwischen Wahlergebnissen und Reformen des Wohlfahrtstaates. Sein mit Frank Bandau veröffentlichter Artikel „The electoral consequences of welfare state changes“ (Journal of European Public Policy) zeigte, dass weder Wohlfahrtsabbau noch Wohlfahrtsexpansion konsistente Wahleffekte haben. Auf dieser Grundlage argumentierten sie, dass die klassischen Modelle retrospektiven Wählens überschätzt werden, weil Wählende politische Veränderungen im Wohlfahrtsstaat seltener beobachten oder sanktionieren als angenommen. Leo erweiterte diese Einsichten anschließend auf den Bereich der Besteuerung: Er zeigte in einem Artikel für Electoral Studies, dass Steuererhöhungen auf Arbeitseinkommen – insbesondere bei Geringverdienenden – klar abgestraft werden, während Änderungen an den Verbrauchssteuern nur schwache oder keine Wahleffekte auslösen.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Forschung lag im Bereich der internationalen Steuerkooperation. In Arbeiten wie „The Big Bang: Tax Evasion After Automatic Exchange of Information“ (New Political Economy) und „New room to maneuver? National tax policy under increasing financial transparency“ (Socio-Economic Review) lieferte Leo zusammen mit Fabio Bothner, Lukas Hakelberg und Thomas Rixen den ersten kausalen Nachweis, dass internationale Kooperation beim Austausch von Kontodaten Steuerhinterziehung messbar verringert und damit den Druck, Steuersätze auf Kapitaleinkommen zu senken, abgeschwächt hat.

Darüber hinaus widmete sich Leo grundsätzlichen Fragen der Entstehung und Wirkung öffentlicher Meinung. In „Is public opinion exogenous or endogenous?“ (Zeitschrift für Politikwissenschaft) argumentierte er, dass öffentliche Meinung nicht als exogener Input in Politikprozesse verstanden werden kann, sondern als „elastischer Korridor“, der durch politische Kommunikation, institutionelle Qualität und kognitive Grenzen der Bürger geprägt wird. Diese Perspektive integrierte Erkenntnisse aus der politischen Psychologie, der Demokratieforschung und der politischen Ökonomie und bot eine grundlegende Neubewertung gängiger Modelle von Responsivität und Präferenzbildung.

Schließlich erforschte Leo am „Politics of Inequality“ Cluster der Universität Konstanz in der Emmy Noether Gruppe „Spielarten des Egalitarismus“ mit großem Elan wie Parteien auf Ungleichheit reagieren. Seine Arbeit mit Alexander Horn zu der Frage, warum selbst egalitäre Parteien oft von Umverteilungspolitiken absehen, wird unter dem Titel „The Equality Positions and Policies of Governments: How egalitarian parties evoke equality while evading real redistribution” beim British Journal of Political Science erscheinen. Das Buch “Lost in Transmission: Political Responses to Inequalities in Advanced Democracies” ist bei Cambridge University Press unter Vertrag. Es zeigt, wie Egalitarismus mit jedem Schritt im politischen Prozess – von der Positionsbildung der Parteien über die Gesetzgebung bis zu den Politikergebnissen – weiter schwindet; eine „leaky pipeline“ auf der parteipolitischen Angebotsseite. Es wird nun von den Koautoren Jonathan Klüser und Alexander Horn (fertig) geschrieben und Leos Input und Begeisterung für das Buch und das Thema Rechnung tragen.

Leos wissenschaftliches Vermächtnis liegt allerdings nicht nur in seinen Ergebnissen, sondern auch in seiner intellektuellen Haltung. Er behandelte Theorien mit Respekt, aber nicht als Dogmen. Er nahm methodische Schwierigkeiten ernst und verstand Nullergebnisse als wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse. Seine Arbeiten werden als präzise, ehrlich und innovativ in Erinnerung bleiben. Leo hinterlässt ein tiefes wissenschaftliches Werk, das zukünftige Forschung prägen und weit über seine Lebenszeit hinauswirken wird.

Seine bereits in jungen Jahren erbrachten Leistungen unterstreichen allerdings auch, dass der Politikwissenschaft ein großartiges Talent verloren gegangen ist. Bis zuletzt sprudelte Leo nur so vor vielversprechenden Ideen – gerade, weil ihn wissenschaftliche Hierarchien und opportunistisch-strategische Überlegungen nie abhielten, wenn seine Neugier ihn antrieb.

So beeindruckend Leos wissenschaftliche Leistungen waren, so sehr wird uns seine kollegiale Großzügigkeit fehlen. Leo war in jedem Team eine feste Größe – insbesondere, wenn es um Daten, Programmierung oder komplexe statistische Auswertungen ging. Mit großer Geduld und ohne jede Attitüde unterstützte er Kolleginnen und Kollegen, diskutierte Spezifikationen, überprüfte Modelle und half dabei, analytische Probleme zu durchdringen. Seine Bereitschaft, sein Wissen zu teilen, war außergewöhnlich. Er verstand wissenschaftliche Zusammenarbeit nicht als Konkurrenz, sondern als gemeinsames Projekt. Er war für uns immer eine Inspirationsquelle, kritischer Sparringspartner und Antreiber gemeinsamer Projekte.

Leo hinterlässt seine Frau Lea und seine beiden Kinder Bruno und Amelie, denen ebenso wie seinen Eltern und seiner Schwester unser tief empfundenes Mitgefühl gilt. Und er hinterlässt Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und Einsichten. Wir werden ihn nie vergessen.

Lukas Hakelberg, Alexander Horn, Thomas Rixen, David Weisstanner

 

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