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Publikation: Weiterentwicklung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie – Vorschlag für einen nationalen Wohlfahrtsindex

News vom 05.02.2010

Die Diskussion um Wirtschaftswachstum und gesellschaftliche Wohlfahrt hat sich international wie national neu intensiviert. Es gibt Indizien, dass die Kosten von Umweltveränderungen und zur Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhaltes letztlich nicht angemessen über ökonomische Kenngrößen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erfasst werden.Die Übernahme des BIP auch in die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesrepublik Deutschland lässt die Schwächen des Sozialproduktkonzeptes in einem normativen und inhaltlich übergreifenderen Rahmen deutlicher werden.

Ein vom Umweltbundesamt finanziertes F&E-Vorhaben hat nun mögliche komplementäre Indikatoren zum BIP (bzw. jetzt dem Bruttonationaleinkommen) untersucht und schlägt konzeptionell einen "Nationalen Wohlfahrtsindex" (NWI) für Deutschland vor. Dieser umfasst 21 Teilvariablen, die zum einen nicht über den Markt erzielte Wohlfahrtssteigerungen einbeziehen, zum anderen einige soziale Kosten und ökologische Schäden abziehen. Korrekturfaktoren zur Einkommensentwicklung und zur Kapitalausstattung sowie Kapitalbilanz runden das Bild einer realitätsnäheren Darstellung der Wohlfahrtsentwicklung ab.

Über ein Aggregationsverfahren wurde hieraus der NWI in seinen Grundzügen berechnet. Die wissenschaftliche Bewertung und Interpretation bedarf noch methodischer Verbesserungen und erweiterten Datengrundlagen, die in Zukunft in regelmäßigen Zeitintervallen zur Verfügung stehen sollten. Indessen zeigt sich bereits bei der vorliegenden Berechnung ein signifikanter Unterschied der Entwicklungen: Seit 2000 fällt der NWI tendenziell gegenüber dem Bruttonationaleinkommen. Resultierend aus dieser Diskrepanz wäre eine tiefer reichende Diskussion sinnvoll, ob man in Deutschland dem Ziel einer ökonomisch bilanzierten nachhaltigen Entwicklung wirklich näher gekommen ist. Das Konzept und die empirischen Ergebnisse der Studie sollen nicht zuletzt einen Beitrag liefern zu der auf OECD- und EU-Ebene sowie vor allem in Frankreich intensiv geführten Debatte um das Verhältnis zwischen wirtschaftlichem Wachstum und realen gesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen. Gegenüber den theoretischen Erkenntnissen der französischen 'Stiglitz-Kommission zur Messung der wirtschaftlichen Leistung und des sozialen Fortschritts' wurden hier zeitlich parallel schon berechnete Indikatoren erstellt, kontrastierend zum BIP/BNE. In diesem Punkt ist die Diskussion in Deutschland weiter fortgeschritten wie in Frankreich oder Großbritannien.