Warum stand die Pro-Choice-Bewegung nach dem Leak des Dobbs-Urteils sieben Wochen lang still?
News vom 06.07.2026
Diese Frage stellte Prof. Dr. Sabine Lang am 24. Juni 2026 im Rahmen eines Gastvortrags am Institut für Soziologie, Arbeitsbereich Gender Studies der Freien Universität Berlin, der durch die Einstein Stiftung Berlin gefördert wird.
Sabine Lang ist Professorin an der University of Washington und derzeit Visiting Scholar am Institut für Soziologie der FU Berlin. Ihren Vortrag „Legal vs. Public Mobilization: U.S. Civil Society and the End of Roe v. Wade" hielt sie auf Einladung von Prof. Kathrin Zippel, PhD. Dr. Daniel Schumann und Dr. Matthias Schneider begrüßten sie gemeinsam mit ihr am Arbeitsbereich.
Auf Basis von vier Datensätzen, von Organisationswebsites über Leitmedien und Social Media bis zu Steuerunterlagen, analysierte Prof. Dr. Lang, warum das „Gelegenheitsfenster" jener sieben Wochen zwischen Leak und finalem Urteil weitgehend ungenutzt blieb.
Ihre Antwort hat strukturelle Gründe. In den USA ist die Pro-Choice-Seite stark dezentralisiert: viele lokale Organisationen, viele unterschiedliche Agenden, kaum nationale Koordination. Gegenüber der Anti-Abortion-Bewegung ist sie massiv unterfinanziert. Und sie hat ihren Widerstand primär auf Rechtsmobilisierung verlagert, auf Gerichte, Gesetzgebung und Klagen, statt auf öffentliche Sichtbarkeit.
Die Anti-Abortion-Bewegung hingegen mobilisiert sowohl das Recht wie auch ihre Öffentlichkeiten: horizontal wie vertikal vernetzt, hoch koordiniert und gut finanziert. Bemerkenswert ist, dass sie dabei gezielt Strategien der Pro-Choice-Seite übernommen hat. Dem Modell von Planned Parenthood setzte sie ein eigenes Netz konservativer, glaubensbasierter Schwangerenberatungszentren entgegen, vielfach öffentlich gefördert. Selbst online agierte sie auf Instagram und X wirkungsvoller und eignete sich die Bildsprache des Pro-Choice-Aktivismus an.
Nach dem Dobbs-Urteil, das Schwangerschaftsabbrüche wieder den Bundesstaaten überließ, erzielte die Pro-Choice-Seite in mehreren Volksabstimmungen Rechtserfolge und konnte den Schutz reproduktiver Selbstbestimmung in einzelnen Bundesstaaten stärken. Als politischer Mobilisierungsfaktor reichte das nicht: Wähler:innen stimmten gleichzeitig für reproduktive Rechte und gegen Kamala Harris.
Prof. Dr. Langs Fazit: Eine feministische Bewegung kann vor Gericht in Einzelfällen gewinnen und die öffentliche Debatte wegen fehlender Mobilisierung trotzdem verlieren. Juristischer und öffentlicher Widerstand sind keine Alternativen. Wer nur das Recht gewinnt, riskiert die Deutungshoheit.
Im Anschluss an den Vortrag diskutierte der Arbeitsbereich diese Erkenntnisse gemeinsam mit einem beeindruckenden Kreis aus Studierenden, Nachwuchsforscher:innen und internationalen Professorinnen der Geschlechterforschung: Prof. Dr. Angelika von Wahl (Lafayette College), Prof. Dr. Gabriele Wilde (Universität Münster), Prof. Dr. Teresa Kulawik (Södertörn University), Prof. Dr. Joyce Mushaben (Georgetown University) und Nikolina Klatt (Doktorandin, FU Berlin).
