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Organisierte Ungleichheit. Zum Verhältnis von Arbeitsorganisation, sozialer Klasse und individuellen Lebenschancen

Leiter & Bearbeitung

Holger Lengfeld

Fragestellung

Warum Menschen sozial ungleich gestellt sind, steht wie kaum eine andere Frage im Mittelpunkt des soziologischen Denkens. Eine der Ursachen, die in diesem Projekt untersucht wird, ist in der Struktur von Arbeitsorganisationen zu suchen. In modernen Gesellschaften existiert eine Vielzahl von unterschiedlichen Organisationsstrukturen, die knappe und begehrte Güter, Dienstleistungen und soziale Macht in ungleicher Weise an die Gesellschaftsmitglieder verteilen. Die Leitfrage des Projekts ist, in welchem Verhältnis organisationsstrukturelle Determinanten wie der interne Arbeitsmarkt, die Unternehmensgröße, die Personalstruktur und der Grad der hierarchischen Differenzierung zu sozialen Klassen als etablierte Erklärungsgröße von sozialer Ungleichheit stehen. Diese Leitfrage soll im Rahmen eines Habilitationsprojektes beantwortet werden. Im Mittelpunkt stehen drei Problemstellungen:

  1. Inwieweit führen Organisationsstrukturen zur Ausdifferenzierung von Lebenschancen innerhalb von Klassenlagen?
  2. Inwiefern hat sich diese Ausdifferenzierung in den entwickelten Dienstleistungsgesellschaften im Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung der 1990er Jahre verändert?
  3. Ziehen durch Organisationsstrukturen verursachte Ungleichverteilungen Pfadeffekte im individuellen Erwerbsverlauf nach sich?

Vorgehensweise und Methoden

Im ersten Schritt des Projekts wird der Forschungsstand zu den Effekten der Organisationsstruktur auf Einkommen, Lohnzusatzleistungen und Mobilität systematisiert. Dabei werden die zentralen organisationsstrukturellen Determinanten identifiziert. Im zweiten Schritt wird eine theoretische Erklärung zum Zusammenspiel von Organisationsstruktur und Klassenstruktur vorgeschlagen. Es werden die grundsätzlichen Interaktionen zwischen beiden Größen untersucht. Daraus werden Hypothesen zur Stabilität und zum Wandel von Klassen- und Organisationseffekten im Zeitverlauf formuliert. Im dritten Schritt werden empirische Sekundärdatenanalysen mit quantitativen Daten durchgeführt. Verwendet werden Employer-Employee-Daten aus den USA von 1991 und 2002 sowie Daten des Sozio-oekonomischen Panel des DIW Berlin. Diese Datensätze enthalten sowohl Informationen über Individualmerkmale der Personen als auch Organisationsmerkmale von Arbeitsorganisationen.

Erste Ergebnisse

Wie erste Analysen zeigen, bringen Organisationsstrukturen Kontingenz in die etablierten Güterverteilungen moderner Gesellschaften (Frage 1). Indem sie weitgehend quer zu den etablierten Effekten anderer Determinanten von ungleichen Lebenschancen liegen, führen sie zur Ausdifferenzierung von Lebenschancen innerhalb von erworbenen und askriptiven sozialen Lagen. So variieren Einkommen und Mobilitätschancen von Angehörigen derselben sozialen Klasse, derselben Kohorte und des gleichen Geschlechts in Abhängigkeit davon, welche Strukturmerkmale die Arbeitsorganisation aufweist, der sie jeweils angehören.

Tabelle: Soziale Klasse, Unternehmensgröße und Einkommen (in US-$)
   
  Unternehmensgröße
Klassen (EGP-Schema) klein groß
Dienstklasse 27.300 31.600
Nicht-manuelle Berufe mit Routinetätigkeiten 13.100 15.000
Facharbeiter 24.500 28.800
Un- und angelernte gewerbliche Arbeitnehmer 12.500 19.100
Alle Klassen 21.400 25.400


Daten: National Organizations Study 1991, N= 560, nur abhängig Beschäftigte. Aufgeführt sind Einkommensmittelwerte (gerundet auf volle 100$). Größenkategorien wurden am Median der Unternehmensgröße gebildet (328 Beschäftigte).



Ein Beispiel dafür ist der Effekt der Unternehmensgröße auf das Einkommen. Nebenstehende Tabelle gibt das Bruttoeinkommen von US-Beschäftigten mit unterschiedlichen Klassenlagen aus dem Jahr 1991 wieder. Zugrunde gelegt wurde das Klassenschema von Erikson & Goldthorpe (1992). Unterschieden wird, ob die Beschäftigten in einem großen oder kleinen Unternehmen tätig sind. Zu sehen ist, dass die Einkommen in jeder Klasse mit der Organisationsgröße variieren.

Laufzeit (geplant)

1/2005 - 6/2007

Förderung

Keine Drittmittelförderung

Erste Veröffentlichungen

  • Lengfeld, H.: Organisierte Ungleichheit. Wie Organisationen soziale Ungleichheit herstellen. Wiesbaden: Verlag Sozialwissenschaften (ca. 300 S; erscheint Ende 2006).
  • Lengfeld, H. (2005): Arbeitsstruktur und soziale Ungleichheit in der Organisationsgesellschaft, in: Faust, M./Funder, M./ Moldaschl, M. (Hg.): Die Organisation der Arbeit. München & Mering: Hampp, S. 321-345.
Soziologie - Euiropäische Gesellschaften