Zwischen den Kulturen: Emotionale Ambivalenzen bei der Vergabe von Vornamen von Migrant/innen

Teilprojekt im Rahmen des neu bewilligten DFG-Sonderforschungsbereichs „Affective Societies. Dynamiken des Zusammenlebens in bewegten Zeiten“

Leiter

Prof. Dr. Jürgen Gerhards

Mitarbeiter

Julia Tuppat M.Sc.

Daniel Drewski M.A.

Theoretischer Rahmen

Vornamen sind Bestandteile unserer sozialen Identität. Sie signalisieren die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, markieren symbolisch die Grenzen der Mitgliedschaft und definieren damit Inklusions- und Exklusionsverhältnisse. So assoziieren wir aufgrund von Stereotypisierungsprozessen mit bestimmten Vornamen häufig nicht nur das Geschlecht, die soziale Klassenlage und die Generationszugehörigkeit des Namensträgers / der Namensträgerin, sondern vor allem auch die nationale bzw. ethnische Zugehörigkeit einer Person, ohne diese selbst zu kennen. Die getroffene Klassifikation beeinflusst wiederum unsere Interaktion mit dieser Person und wirkt zurück auf deren Identität. Migrant/innen, die in ein anderes Land wandern und dort Kinder bekommen, stehen bei der Auswahl eines Vornamens häufig vor einem emotionalen Dilemma. Vergeben sie einen in ihrem Herkunftsland gebräuchlichen Vornamen, kann das die emotionale Bindung an die Herkunftsgesellschaft markieren, zugleich aber auch bedeuten, dass ihre Kinder aufgrund der Fremdheit des Namens und den existierenden Stereotypen diskriminiert werden, was dann zu emotionalen Belastungen führen kann. Vergeben sie dagegen einen Vornamen, der in dem jeweiligen Zielland üblich ist, mag dies ihre emotionale Bindung an das Zielland zum Ausdruck bringen und damit eine mögliche Diskriminierung im Zielland verhindern helfen, die getroffene Wahl kann aber zur Exklusion aus der eigenen Herkunftsgruppe sowie zu Fremdheitsgefühlen gegenüber den eigenen Kindern führen.

Fragestellung

Am Beispiel der Vergabe von Vornamen analysiert das Projekt die emotionalen Konflikte im Prozess der Entbettung und Neuverortung von Migrant/innen. Folgende Fragen stehen dabei im Vordergrund: Welche Vornamen geben die nach Deutschland migrierten Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft ihren Kindern? Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidung der Eltern? Welche Rolle spielt dabei die affektive Verbundenheit mit der Herkunftsgesellschaft, das Gefühl des Ausgeschlossenseins aus bzw. der Anerkennung von Seiten der Aufnahmegesellschaft und zeigen sich diesbezüglich Unterschiede zwischen den verschiedenen Migrantengruppen? Und wie versuchen Migrant/innen diese Dilemmata zu meistern?

Empirische Umsetzung

Wir werden diese Fragen mit Hilfe einer Kombination von zwei unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen beantworten. Zum einen werden wir die Daten des Sozio-ökonomischen Panels auswerten und hier vor allem die neue Migrantenstichprobe von 2013. Hierzu werden wir die Vornamen der in Deutschland geborenen Kinder von Migrant/innen aus unterschiedlichen Herkunftsländern in verschiedene Kategorien einteilen (Vornamen, die als typische Namen des Herkunftslands gelten vs. Vornamen, die im Zielland gebräuchlich sind vs. hybride Vornamen vs. Vornamen, die weder im Herkunfts- noch im Zielland, sondern in einem anderen Land vergeben werden) und untersuchen, welche Faktoren die Wahl des Vornamens beeinflussen.

Quantitative Analysen geben allerdings wenig Aufschluss über die konkreten Motive, Aushandlungsprozesse und emotionalen Dilemmata, in denen sich manche Familien bei der Auswahl eines Vornamens befinden. Wir werden entsprechend zusätzlich leitfadengestützte Interviews mit ca. 40 ausgewählten Familien durchführen, um über dichte Beschreibungen die Prozesse des Aushandelns, des sich Zugehörigfühlens, der Distinktion und möglicher persönlicher und innerfamiliärer Konflikte zu rekonstruieren. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der engen Verbindung der beiden methodischen Vorgehensweisen zu. So soll die Auswahl der zu befragenden Familien nach sich aus der quantitativen Analyse als relevant ergebenden Kriterien erfolgen und aus der Stichprobe des SOEPs gezogen werden. Zudem soll auch umgekehrt analysiert werden, ob und wie man die quantitativen Befunde alternativ interpretieren muss, wenn man die qualitativen Ergebnisse berücksichtigt.

Projektrelevante Literatur

Gerhards, J.; Hans, S. (2009). From Hasan to Herbert: Name Giving Patterns of Immigrant Parents between Acculturation and Ethnic Maintenance. In: American Journal of Sociology 114 (4): 1102-1128.

Gerhards, J. (2005): The Name Game. Cultural Modernization and First Names. New Brunswick, London: Transaction Publishers.

Khosravi, S. (2012): White Masks/Muslim Names: Immigrants and Name-Changing in Sweden. In: Race & Class 53 (3): 65-80.

Lieberson, S.; Bell E. (1992): Children’s First Names. An Empirical Study of Social Taste. In: American Journal of Sociology 98: 511-554.

Lieberson, S.; Mikelson, K. (1995): Distinctive African American Names: An Experimental, Historical, and Linguistic Analysis of Innovation. In: American Sociological Review 60: 928-946.

Sue, C.; Telles, E. (2007): Assimilation and Gender in Naming. In: American Journal of Sociology 112 (5): 1383-1415.

Publikationen

Gerhards, Jürgen & Florian Buchmayr (2019): Die Wahrnehmung symbolischer Grenzen und die Strategien von Grenzarbeit. Beitrag zur Ad Hoc Gruppe „Belonging and symbolic boundaries in the perception of immigrants”, In Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018, edited by Nicole Burzan (Online-Publikation).

Gerhards, Jürgen & Florian Buchmayr (2018): Soziale Kontexte und Diskriminierungserfahrungen von MigrantInnen. Ergebnisse einer qualitativen Studie [Social Contexts and Migrants' Experiences of Discrimination. Results from a Qualitative Study]. Soziale Welt 69(4): 379-405.

Gerhards, Jürgen & Florian Buchmayr (2018): Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Generation von Migrantinnen in der Wahrnehmung symbolischer Grenzen und in den Strategien ihrer Grenzarbeit [Differences between First and Second Generation Migrants' in Interpreting Symbolic Boundaries and in their Boundary Work]. Berliner Journal für Soziologie 28(3): 367-395.

Gerhards, Jürgen & Christian von Scheve (2018): Simmels Theorie der Emotionen. Pp. 815-827 in Simmel-Handbuch. Begriffe, Hauptwerke, Aktualität, edited by Hans-Peter Müller & Tilman Reitz. Berlin: Suhrkamp.

Gerhards, Jürgen & Julia Tuppat (2018): „Boundary Maintenance” oder “Boundary Crossing”? Symbolische Grenzarbeit bei der Vornamenvergabe bei Migrantinnen [„Boundary Maintenance” or “Boundary Crossing”? Migrants’ Symbolic Boundary Work When Giving First Names]. Working Paper SFB 1171 Affective Societies 02/18.

Gerhards, Jürgen & Sylvia Kämpfer (2017): Navigieren zwischen symbolischen Grenzen - Eine Typologisierung der Grenzarbeit von Migrantinnen und Migranten am Beispiel des Umgangs mit Vornamen [Navigating between Symbolic Boundaries - A Typology of Migrants' Boundary Work by their Way of Handling with First Names]. Working Paper SFB 1171 Affective Societies 02/17.

Gerhards, Jürgen & Sylvia Kämpfer (2017): Symbolische Grenzen und die Grenzarbeit von Migrantinnen und Migranten [Symbolic Boundaries and Migrants‘ Boundary Work]. Zeitschrift für Soziologie 46(5): 303-325.

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