Wirkung und Regulierung von Online-Leserkommentaren

— Thomas Friemel & Mareike Dötsch (Uni Bremen)

Vollständiger Beitrag im Tagungsband

 

Zur Relevanz des Phänomens Online-Leserkommentare

Die Onlineangebote von Tageszeitungen haben sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Kanal politischer Informationen entwickelt. Dies gilt sowohl aus Sicht der Anbieter wie auch aus Sicht der Nutzer. Neben den Veränderungen in der Produktion und Distribution hat dieser Kanalwechsel insbesondere zu einer intensiveren Beteiligung der Leser geführt, die nach dem Lesen eines Artikels "nur einen Maus-Click" vom Weiterleiten, Bewerten und Kommentieren eines Artikels entfernt sind. Diese Aktivitäten bewirken zum einen Effekte, welche von den Redaktionen erwünschte sind (z.B. eine zusätzliche Diffusion der Inhalte), bergen aber auch Risiken, in dem auch kritischen Stimmen und abweichenden Meinungen eine Plattform geboten wird. Dies wird besonders bei der Kommentarfunktion deutlich, welche einen inhaltlichen Austausch zwischen den Lesern ermöglicht und sich in verschiedener Hinsicht von der klassischen Form des Leserbriefes unterscheidet. Inhaltsanalytische Studien weisen z.B. auf einen Unterschied in der Tonalität und der Differenziertheit der Argumentation hin, wobei auch Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Kommentarfunktionen auszumachen sind (Friemel/Hallermeyer 2012). Themen mit einem Bezug zu Migration, wie jüngst das Schiffsunglück vor Lampedusa, erzeugen fremdenfeindliche und rassistische Kommentare in einem Umfang, der sowohl Redaktionen wie auch Politiker überrascht und neue Fragen aufwirft.

Dieser Beitrag diskutiert, den Hintergrund und den Einfluss dieser Häufung fremdenfeindlicher Kommentare auf den öffentlichen Diskurs und die wahrgenommene öffentliche Meinung. Zu klären gilt es insbesondere folgende Fragestellungen:

  • FF1: Welchen politischen Gruppierungen stehen die Schreiber von Online-Leserkommentaren nahe und stellen sie ein repräsentatives Abbild der Leserschaft dar?
  • FF2: Werden Online-Kommentare als Abbild für die Einstellung der Rezipienten der Zeitung und/oder der Gesamtbevölkerung wahrgenommen?
  • FF3: Welche Regulierungsvarianten sind denkbar und wie werden diese von den Lesern bewertet?

 

Forschungsfrage und Methodik

Im Zeitraum vom 27.08.2012-21.09.2013 wurde in Zusammenarbeit mit mehreren Online-Zeitungen der Schweiz (20 Minuten, Blick, Neue Zürcher Zeitung, Tages-Anzeiger, Berner Zeitung, Basler Zeitung, Der Bund) eine Befragung von Lesern und Schreibern von Kommentaren durchgeführt. Nach der Datenbereinigung konnten von 13.857 begonnenen Fragebögen 4.784 in die Analyse einbezogen werden, die einen detaillierten Einblick in die Hintergründe und die Wahrnehmung von Online-Leserkommentaren auf den entsprechenden Online-Zeitungen ermöglichen. Die Plattform der Neuen Zürcher Zeitung wurde aus der weiteren Analyse ausgeschlossen, da keine befriedigende Teilnehmerstruktur erreicht werden konnte.

 

Befunde

Zur Beantwortung der ersten Forschungsfrage (FF1) wurde geprüft, ob die politische Einstellung der Schreiber von derjenigen der übrigen Leserschaft abweicht. Die Befunde zeigen, dass für einzelne Zeitungen deutliche Unterschiede feststellbar sind und die politische Orientierung der Schreibenden somit nicht repräsentativ sind für die Leserschaft einer Online-Zeitung. Zudem ist auffällig, dass diese Verzerrung stets in Richtung einer rechts-konservativen und eher fremdenfeindlichen Orientierung besteht. Der Mittelwertvergleich der politischen Einstellung (7er-Skala) ergibt dabei signifikante Unterschiede zwischen Lesern und Schreibern, der Online-Portale 20 Minuten (ML=3,90; SEL=0,052; MS=4,06; SES=0,047; t=-2,32; p<0,05), Blick (ML=4,13; SEL=0,059; MS=4,56; SES=0,076; t=-4,44; p<0,001), und Newsnet (i.e. Tages-Anzeiger, Der Bund, Berner Zeitung und Basler Zeitung: ML=3,03; SEL=0,078; MS=3,54; SES=0,053; t=-5,37; p<0,001). Die Kommentar-Schreiber sind demnach bei allen Plattformen politisch signifikant weiter rechts positioniert als die Kommentar-Leser. Außerdem haben die Schreiber auch weniger Vertrauen in den Staat sowie staatliche Institutionen. Dies scheint die bisherigen inhaltsanalytischen Befunde sowie besonders auffällige Einzelfälle, welche eine Mehrzahl an fremdenfeindlichen Kommentaren zutage fördern, zumindest teilweise zu erklären.

Um die Relevanz dieser Unterschiede für den öffentlichen Diskurs und allfällige regulierende Maßnahmen zu eruieren, gilt es mit der zweiten Forschungsfrage zu prüfen, ob die Online-Kommentare als repräsentatives Abbild für die Einstellung der Zeitungsleser oder gar der Gesamtbevölkerung wahrgenommen werden. Die Befunde für die verschiedenen Zeitungen zeigen, dass die in den Kommentaren vermittelten Einstellungen durchaus als Hinweise für die Einstellung der Leser genutzt werden (M=3,74; SE=0,016; 5er-Skala; 5=„völlig zutreffend“). Der Rückschluss auf die Gesamtbevölkerung wird im Vergleich dazu weniger klar gezogen (M=3,15; SE=0,018), wobei hier ein signifikanter Unterschied (t=-5,98; p<0,001) zwischen den Kommentar-Schreibenden (MS=3,25; SES=0,023) und den Lesern (ML=3,03; SEL=0,027) auszumachen ist. Demnach sind die Schreiber noch etwas eher der Ansicht, dass diese Rückschlüsse zulässig sind. In Kombination mit dem festgestellten psychologischen Persönlichkeitsprofil und den Motiven für das Schreiben der Kommentare kann geschlossen werden, dass sich die Schreibenden mitunter als Sprachrohr für die übrigen Leser bzw. die Gesamtbevölkerung betrachten, welche ihre Ansichten in den redaktionellen Inhalten nicht genügend abgebildet sehen.

Aus demokratietheoretischer Sicht sind Online-Leserkommentare damit insgesamt ambivalent zu bewerten. Zum einen bilden sie ein deliberatives Moment in der Online-Berichterstattung und bieten auch Meinungen eine Plattform, welche durch die Redaktionen nicht vertreten werden. Durch die hohe Reichweite der Online-Zeitungen sind diese auch für einen wesentlich größeren Personenkreis sichtbar als etwa Blogs oder politische Diskussionsforen. Zum anderen scheint der Personenkreis, welcher sich aktiv an der Diskussion beteiligt systematisch von den übrigen Lesern zu unterscheiden, was zu einem verzerrten Meinungsbild führt. Basierend auf diesen Befunden, diskutiert der Beitrag abschließend, welche Maßnahmen für eine Regulierung denkbar sind und auf welche Akzeptanz diese bei den Nutzern (Lesern und Schreibern) stoßen (FF3). Der Mittelwertvergleich zwischen Lesern und Schreibern zeigt, dass die Kommentare von den Lesern eher als destruktiv (ML=2,06; SEL=0,020; MS=2,42; SES=0,018; t=-12,9; p<,001) und unsachlich (ML=2,17; SEL=2,17; MS=2,49; SEL=2,49; t=-11,2; p<,001) eingestuft werden (5er Skala) als von den Schreibern. Trotz dieser eher kritischen Bewertung wird weder von den Lesern noch den Schreibern eine verstärkte redaktionelle Kontrolle eingefordert. Vielmehr wird der Wunsch deutlich, störende Kommentare selbst zu melden. Inwiefern diese Funktionalität zu einer Veränderung der publizierten Inhalte führen würde, kann durch die Rezipienten-Befragung nicht beantwortet werden. Auffällig ist jedoch, dass in den letzten Jahren zahlreiche Online-Zeitungen zusätzliche Bewertungs- und Meldefunktionen für Kommentare eingeführt haben und somit zumindest teilweise auf eine Selbstregulierung hoffen.

 

Literatur

  • Friemel, Thomas N./Hallermayer, Michael (2012): Online-Leserkommentare: Zwischen Anschlusskommunikation und Leserbrief. Referat an der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM), Neuchâtel, 20.-21. April.

 

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