Programm- und Kommunikationsanalyse des nichtkommerziellen Rundfunks in Österreich am Beispiel von CR 94,4

— Alexander Rihl (HFF Potsdam) & Jan Krone (FH St. Pölten)

Vollständiger Beitrag im Tagungsband

 

Einführung

Der nichtkommerzielle Rundfunk (NKRF) trägt als dritter, unabhängige Sektor des Rundfunksystems seinen Teil zur gesellschaftlichen Meinungsbildung und Meinungspluralität bei und versteht sich dabei als Plattformbetreiber für Bürger in Form niederschwelligen Zugangs zu massenmedialer Produktion, Kommunikation und Ausbildung. Der Medienwandel beschreibt gleichermaßen eine sich verändernde öffentliche Kommunikation, welche auch graduelle Veränderungen im Medienbetrieb impliziert. Im Zuge des Medienwandels im 21. Jahrhundert, der Integrationsbewegung der Kommunikationsmittel qua Digitalisierung, gewinnt der die Medienöffentlichkeit beeinflussende Begriff "Public Value" eine neue Dimension auf der medienpolitischen Agenda. Letztlich sind es gerade die nichtkommerziellen Medien, die den Deutungssphären von "Public Value" über ihr Selbstverständnis umfänglich gerecht werden können. Den Public Value-Dimensionen im Medienwandel folgend kann das Internet als ubiquitäre und multifunktionale Kommunikationsplattform angesehen werden, die Partizipations-, Kommunikations- und Informationsmuster auch für den NKRF nivelliert. Somit ergeben sich nicht nur neue Problemfelder für die Kommunikationspolitik der Sender, sondern ebenso Herausforderungen für die medienpolitische Förderung des nichtkommerziellen Rundfunks.

 

Forschungsinteresse

Der u.a. von Knoche et al. (vgl. Knoche/Hirner/Wagner, 2001) vertretene Ansatz, die nichtkommerziellen Medien als dritten Sektor eines zu einem trialen Rundfunksystem erweiterten dualen Rundfunksystems zu betrachten, steht für die Sicherung von Medienpluralismus und kultureller Vielfalt aus lokaler und regionaler Perspektive. Nichtkommerzielle Medien seien hier imstande, gesellschaftliche Vielfalt in vielen Facetten widerzuspiegeln. Dabei sind Aktivitäten auf neuen medialen und kommunikativen Oberflächen (Online-Medien) ausdrücklich in das Public-Value Konzept integriert und im 21. Jahrhundert nicht mehr von öffentlicher Kommunikation trennbar (vgl. Trappel 2010, S. 29-30). Öffentliche Kommunikation ist ohne das Publikum nicht denkbar, ein Public Value-Ansatz außerhalb der Publikumsperspektive daher fehlgeleitet (vgl. Scherer 2011 nach Wyss 2009, S. 131). Auch das Internet als leicht zugänglicher Kommunikationsraum hängt mit den klassischen Medien(-strukturen) zusammen und eröffnet neue Partizipations-, Informations- und Kommunikationsmuster. Die öffentliche Kommunikation verändert sich und mit ihr die Medienangebote. Dieser als Medienwandel verstandene Prozess (vgl. Krone 2011; Wenger 2011, S. 147ff.) kann insbesondere für die nichtkommerziellen Medien eine Steigerung der Kommunikationsvermittlung in einer Gesellschaft bedeuten, die denjenigen noch stärker als in der analogen Medienvergangenheit eine Stimme verleiht, "die in der Öffentlichkeit kein Gehör finden". (Trappel 2010, S. 32). Unter diesem Eindruck, nimmt der Druck auf die Deutungssphäre von spezifischer und individueller Leistungsfähigkeit zu. Erstarkte Teilsysteme in der Qualitätsbewertung sind heute die Rezipienten, die ihre Mediennutzung aufgrund einer multimedialen Angebotsausweitung reformieren. Sie sind es, die bislang regelmäßig durch jeden institutionellen Bewertungs-Filter fielen und auf die mehr Augenmerk gelegt werden müsse (vgl. Scherer 2011; Brosius 2000, S. 9ff.). Weiters sind es die Medienschaffenden, Journalisten und Autoren aus dem Multimediabereich, die aufgrund erodierender Filtersysteme und geringerer Markteintrittsbarrieren eigenhändig oder in neuen Kooperationen (Netzpublikationen, Blogs, WebTV & VoD) das Angebot publizistischer Beiträge rasant steigern, direktes Leser-Feedback ermöglichen und beantworten (vgl. Krone 2011, 147f.). Folglich sind nicht ausschließlich die Anforderungen und Kriterien der Programm- und Kommunikationsleistung von Interesse, sondern darüber hinaus aus dem Bereich des öffentlich-rechtlichen Public Value-Diskurses anerkannte, inhaltliche Identifikationsmerkmale einer Gemeinwohlorientierung, die das programmlich-kommunikative Angebot nichtkommerzieller Rundfunkmedien zu steigern imstande sind. Mit entsprechenden Erkenntnissen zur Struktur von Online-Kommunikationsleistungen nichtkommerzieller Rundfunkmedien ist die Medienpolitik eines Mediensystems in der Lage, Ansprüche an die Leistungen wie durch den NKRF zu formulieren sowie technologischen und gesellschaftlichen Verschiebungen qua Medienwandel zu folgen und Anpassungen einzufordern.

 

Methodik

Die vorliegende Studie untersucht auf Basis frei zugänglicher Online-Informationen der Sender- Websites des NKRF die Programm- und Kommunikationsleistungen nach strukturellen und inhaltlichen Merkmalen. Das Ergebnis der Untersuchung stellt entsprechend die inhaltlichen und strukturellen Online-Programm- und -Kommunikationsleistungen der vom Auftraggeber "Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH" (RTR-GmbH) lizensierten 14 Hörfunk- und drei Fernsehsender dar. Am Beispiel des Hörfunksenders CR 94,4 werden die Ergebnisse exemplarisch dargestellt. Das Untersuchungsdesign orientiert sich methodisch an der seit 2007 regelmäßig durchgeführten österreichischen Fernsehprogrammforschung (Trebbe/Weiß/Woelke: Fernsehen in Österreich) und differenziert Programmleistung nach struktureller Programmvielfalt, inhaltlicher Programmvielfalt und gesellschaftlicher Relevanz der Programminhalte (vgl. Steininger/Woelke 2009, S. 15; Woelke 2010, S. 26f.). Für die vorliegende Untersuchung ist besonders hervorzuheben, dass es sich im Vergleich zur Fernsehprogrammforschung nach Weiß/Trebbe/Woelke nicht um eine Analyse des gesendeten Programms handelt, sondern um eine Analyse der Programm- und Kommunikationsleistung auf den sendereigenen Websites der einzelnen Untersuchungsobjekte. Aus Perspektive des Nutzers untersucht die Studie dem Public Value-Diskurs folgend die durch den Zuschauer/Zuhörer online abrufbaren Programm- und Kommunikationsleistungen der einzelnen Sender und differenziert diese senderunabhängig nach strukturellen und inhaltlichen Merkmalen sowie gesellschaftlicher Relevanz der Programminhalte. Basierend auf einem mehrstufigen Design (Triangulation) ist die quantitative Inhaltsanalyse in Erhebung und deskriptiver Auswertung auf 53 Items für die Hörfunksender und 54 Items für die Fernsehsender gestützt und erfolgt nach gattungsspezifischen Unterschieden für Hörfunk und Fernsehen getrennt. Während in der ersten Phase die Untersuchungsobjekte (also die Senderwebsites) die Grundgesamtheit bilden, stellt die zweite Phase die Untersuchungsinhalte (also die Sendungen selbst) als Grundgesamtheit heraus. Bei der Senderanalyse wurden anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse alle Informationen der Websites zu Sendersteckbriefen zusammengefasst. Die Untersuchung wurde einmal als Vollerhebung durchgeführt, jede Website jedes Veranstalters entsprechend einmal auf Grundlage der Codebücher für HF und TV analysiert. Die Sendungsanalyse hingegen hat alle im Untersuchungszeitraum auf den Websites angekündigten Sendungen der von der RTR-GmbH geförderten Sender als Grundgesamtheit, wonach die sendungsspezifischen Programm- und Kommunikationsleistungen gemessen am Untersuchungsinstrument herausgestellt werden können. Die Sendungsanalyse wurde in zwei Untersuchungswellen im April und Oktober 2012 als Vollerhebung der Grundgesamtheit und auf Rückbezug eigener Codepläne für HF und TV erhoben. Sind in beiden ersten Phasen die online abrufbaren Informationen der Websites Untersuchungsgegenstand, bezeichnet die dritte Phase eine Überprüfung des tatsächlich gesendeten Programms unter Zuhilfenahme einer Abstraktion des Coincidental-Checks im Rahmen der kommerziellen, interessengeleiteten Publikumsmarktforschung im Fernsehbereich (vgl. AGF 2013).

 

Ergebnisse

Es lässt sich mediengattungsspezifisch übergreifend konstatieren, dass bzgl. der einzelnen Sender Kommunikations-, Partizipations- und Informationsangebote vorhanden, jedoch oftmals ausbaufähig sind. Positiv ist hervorzuheben, dass durchgehend grundlegende Informationen kommuniziert werden. Im Sinne des Public Value- Diskurses sind diese jedoch nicht ausreichend. Programm und Publikum könnten über sichtbarere Empfehlungen, Informationen und Kommunikationsangebote besser zueinander geführt werden; implizit bleibt die Trennung zwischen Medienproduzenten und Publikum erhalten und das Public Value-Versprechen nicht gleichmäßig durchgehalten. Das unidirektionale Kommunikationsparadigma der Massenkommunikation bleibt in weiten Teilen aufrecht und der Medienwandel, resp. der Zugang zur Programmproduktion, wird selten herausgestellt.

 

CR 94,4

CR 94,4 sendet über UKW 24 Stunden/Tag mit durchschnittlichen 6,2 Sendungen/Tag. Der Lokalsender gibt "Kooperationspartner" als Einnahmequelle an und weist neben dem Lizenzhinhaber ebenso die Senderstruktur aus. Die technische Senderreichweite erweitert sich über digitale Medientechnologien (Webstream). Explizite Angebote für die mobile Nutzung (im Rahmen von Kommunikationstechnologien) des Senders werden nicht angeboten. Das wöchentliche Programmschema weist auf Wiederholungen, Programmübernahmen und Zulieferungen von Programmen hin, erweckt jedoch ob der nicht vorhanden Datumsangabe einen unspezifischen Eindruck. Weiterführende Links zu Zulieferern gibt es keine. CR 94,4 verfügt über ein eigenes Plattformblog, bietet jedoch sonst – mit Ausnahme eines Social Media- Angebotes – keine Möglichkeiten zur Websitepartizipation. Die einzelnen Sendungen verfügen über kaum Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme, 3,7% bieten eMail-Kontaktmöglichkeiten. Die Senderverantwortlichen sind über das Impressum der Website via Telefon und eMail erreichbar. Auch wenn CR 94,4 angibt, medienpädagogische Förderung anzubieten, lässt sich diese nicht aus den Sendungsbeschreibungen ableiten. Der Coincidental-Check des linear ausgestrahlten Programms zeigt ein optimales Ergebnis: alle drei der angekündigten Sendungen wurden in Inhalt und Länge ausgestrahlt, wie auf der Senderwebsite angekündigt.

 

Literatur

  • AGF (2013): Qualitätssicherung – Validität. Abrufbar unter: http://www.agf.de/fsforschung/qualitaet/validitaet/ vom 25.02.2013.
  • Brosius, Hans-Bernd/Weiler, Stefan (2000): Programmanalyse nichtkommerzieller Lokalradios in Hessen. Schriftenreihe der LPR Hessen, Band 10, München.
  • Knoche, Manfred/Hirner, Wolfgang/Wagner, Ulrike (2001): Freie Radios in Österreich. Auf dem Weg zum trialen Rundfunksystem. In: Fabris, Hans Heinz/Renger, Rudi/Rest, Franz: Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich, Salzburg, S. 56-61.
  • Krone, Jan (2011): „Qualitätsjournalismus“: Systemkrise des elitären publizistischen Führungsanspruchs. In: Krone, Jan (Hrsg.): Medienwandel kompakt. 2008-2010. Schlaglichter der Veränderung in Medienökonomie, -politik, -recht und Journalismus – ausgewählte Netzveröffentlichungen, Baden-Baden, S. 147-149. 
  • Scherer, Helmut (2011): Public Value als Publikumsauftrag oder Publikumsdesiderat. In: Karmasin, Matthias/Süssenbacher, Daniela/Gonser, Nicole (Hrsg.): Public Value. Theorie und Praxis im internationalen Vergleich, Wiesbaden, S. 127-138.
  • Steininger, Christian/Woelke, Jens (2010): Fernsehen in Österreich 2009/2010, Konstanz.
  • Trappel, Josef (2010): Public Value aus kommunikations- wissenschaftlicher Sicht. In: Berka, Walter/Grabenwarter, Christoph/Holoubek, Michael (Hrsg.): Public Value im Rundfunkrecht, Wien, S. 29-35.
  • Wenger, Christian (2011): Radio der Zukunft: Alte Stärken eröffnen neue Chancen. Zukunftsstudie „Vision 2017“: Was bedeuten künftige gesellschaftliche Trends für das Radio? In: Media Perspektiven 3/2011, S. 147-153.
  • Woelke, Jens (2010): TV-Programmanalyse. Fernsehvollprogramme in Österreich. Bericht zur Frühjahrsstichprobe 2009. Schriftenreihe der RTR-GmbH, Band 2/2010, Wien.

 

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